Archiv der Kategorie: CatCalendar

Cat_Calendar vom 25. Oktober: Peter Rühmkorf

Peter Rühmkorf 2004 | Foto: Ottoerich

Peter Rühmkorf 2004 | Foto: Ottoerich

Peter Rühmkorf (1929-2008) zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Er wäre heute 85 Jahre alt geworden. Rühmkorf hat 1980 mit Auf Wiedersehen in Kenilworth ein von Albert Schindehütte kongenial illustriertes Katzenmärchen geschrieben, in dem der Geist von Schloss Kenilworth die Schlosskatze in ein Menschenmädchen und den Verwalter des englischen Anwesens in einen Kater verwandelt. Nach der ungewollten Transformation erwachen die beiden in Rom bzw. Indien. Auf Wiedersehen in Kenilworth ist die einzige Erinnerung an ihr altes Leben, die ihnen bleibt, und der beherrschende Wunsch, der sie antreibt …

Der FAZ gab Rühmkorf ein Interview, das dort am 4. Oktober 1985 unter dem Titel Warum lassen Sie Ihre Katze nicht mitreden, Herr Rühmkorf? erschienen ist. Darin erweist sich Peter Rühmkorf als genauer Beobachter des Verhältnisses zwischen Mensch und Katze. Beispielsweise bei der Beantwortung dieser Frage: »Wer weiß mehr über wen, Sie über die Katze oder die Katze über Sie?« Rühmkorf: »Zunächst einmal sind wir beide Haustiere. Ich arbeite den ganzen Tag in der Wohnung, die Katze hat auch irgendwie hier zu tun, das schafft dann ein Klima von wettbewerblicher Koexistenz. Die Katze meint wohl, mich ziemlich genau zu kennen, das heißt, sie hält mich für berechenbar. Andererseits halte ich sie für nicht ganz so unberechenbar, wie sie sich selber einschätzt. Das führt dann gelegentlich zu diesen Ich-kenne-dich- besser-Wettkämpfen.« Die besagte Katze war übrigens ein Kater mit Namen Micio, er lief dem Ehepaar Rühmkorf 1969 in Italien zu – und blieb. In Peter Rühmkorfs 2004 veröffentlichter Ausgabe seiner Tagebücher von 1971 bis 1972 wird er mehrfach erwähnt. Unter dem 19. Juni 1972 findet sich dieser Eintrag: »Nach einem kleinen Elbauf-und-Elbabgang eigentümlicherweise Federflaum in der Küche entdeckt, aufgelesen, betrachtet u. auf einmal bemerkt, dass es graubraune Haarbüschel waren. Als sich Micio, stillmaunzend, an meine Hosenbeine schmiegte, sah ich auf einmal den wahren Grund der Bescherung. Beinah bloßliegender Muskel wie bei einem enthäuteten Karnickelbraten. Mein kleiner niedlicher Pazikatz. Hat solche gefährliche Krallen, richtige Rundnadeln, aber nutzt sie im Kriegs- bzw. Ernstfall gar nicht. Wie der Vater – so der Kater.«

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Cat_Calendar vom 23. Oktober: Theophile Gautier

Foto von Nadar (1820-1910): Théophile Gautier 1856

Foto von Nadar (1820-1910): Théophile Gautier 1856

Théophile Gautier (* Tarbes 1811, † Neuilly-sur-Seine 1872), dessen 142. Todestag heute im Kalender verzeichnet ist, war ein französischer Schriftsteller mit einer ausgeprägten Zuneigung zu Katzen und ein enger Freund von Charles Baudelaire, der Katzen ebenfalls anhimmelte. In seinem Buch Ménagerie intime (1869) berichtete Gautier ausführlich von seinen Katzen Pierrot, Séraphita und Zizi, die Musik liebten und friedlich mit zahmen Ratten im Haus des Dichters zusammenlebten. Kaum ein anderer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hat so eindringlich die enge Beziehung zwischen Katzen und Dichtern beschrieben. Wie ein Manifest klingt dieser Satz: »Katzen fühlen sich wohl in der Stille, der Ordnung und der Ruhe, und kein Ort ist ihnen gemäßer als das Arbeitszimmer des Literaten.« Katzen wollen nach Gautier: »Ihr Freund sein, niemals aber Ihr Sklave … Die Freundschaft einer Katze zu gewinnen, ist ein heikles Unterfangen. Die Katze ist ein philosophisches Tier, sittsam und gelassen. Sie hat ihre festen Gewohnheiten, liebt Ordnung und Reinlichkeit und verschenkt ihre Zuneigung nicht leichtfertig.«

Viele weitere Hinweise zu täglichen Katzenereignissen und feliden Gedenktagen finden sich übrigens in meinem immerwährenden Katzenkalender: http://www.suhrkamp.de/buecher/mit_katzen_durch_das_jahr-_35950.html

35950_Katzenkalender

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Cat_Calendar vom 22. Oktober: Doris Lessing

Foto: Elke Wetzig

Foto: Elke Wetzig

Die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing  (* Kermanschah, Iran 1919 | † London 2013) wurde heute vor genau 95 Jahren geboren und hat sich mit ihrem 1967 veröffentlichten Buch Particularly Cats (deutsch als Doris Lessings Katzenbuch erschienen) in den ewigen Kanon der Katzenweltliteratur geschrieben. Eine besonders schöne Ausgabe des Buches hat der Verlag Klett-Cotta 1999 herausgegeben – mit den zusätz- lichen Erzählungen Rufus und El Magnifico am Ende seiner Tage sowie zahlreichen Fotografien von Isolde Ohlbaum. Doris Lessing lebte seit ihrer Kindheit mit Katzen zusammen, und ihr Buch ist die Essenz dieser lebenslangen Partnerschaft: es stimmt manchmal traurig, zeichnet viele glückliche Stunden auf und hält sich fern von unangemessener Sentimentalität; eine absolut unverzichtbare Lektüre für Katzenfreunde. Darin finden sich diese melancholischen Sätze: »Aber heute ist die Schwarze für Schmeicheleien nicht zu haben, sie will nicht gestört werden. Ich streichle ihren Rücken; sie macht einen leichten Buckel. Sie schnurrt ganz kurz in höflicher Anerkennung des fremden Wesens, dann starrt sie mit ihren gelben Augen in eine verborgene Welt.«

Foto: National Portrait Galery

Foto: National Portrait Gallery

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Cat_Calender (11) vom 21. Oktober 2014: Horatio Nelson

Lemuel Francis Abott (1760-1802): Konteradmiral Sir Horatio Nelson

Lemuel Francis Abott (1760-1802): Konteradmiral Sir Horatio Nelson

Heute soll hier an den Katzenfreund Horatio Nelson erinnert werden, der als hochdekorierter Admiral der englischen Flotte – seit 1798 Baron of the Nile, seit 1800 Herzog von Brontë, seit 1801 Viscount – am 21. Oktober 1805 im Alter von siebenunddreißig Jahren die Seeschlacht gegen die französisch-spanische Armada bei Trafalgar für England entschied und dabei fiel. Der Admiral hatte »von dem Tag an, an dem er zum erstenmal das Kommando eines Schiffes führte, außer der Schiffskatze noch eine besonders für ihn bestimmte an Bord.« Dies berichtet Ehm Welk in seinem Buch Die wundersame Freundschaft. An seiner bekannten Zuneigung zu Katzen soll sogar die erste Ehe des Admirals gescheitert sein. Jedenfalls wird überliefert, dass seine Frau als Scheidungsgrund vor Gericht die »Affenliebe des Lords für Katzen« nannte. Nelson geriet kurz vor seinem letzten Waffengang nahe der französischen Küste in einen Orkan und lief mit seinem Schiff auf einen Felsen auf. Viele Besatzungsmitglieder gingen dabei über Bord, und das Schiff drohte jeden Moment auseinanderzubrechen. Am folgenden Morgen kam eine Fregatte zu Hilfe und nahm die Überlebenden des Unglücks auf. Wie es sich für einen Kapitän gehört, ging Nelson als letzter von Bord, fragte dann aber, sichtlich erregt von den Geschehnissen der Nacht, sicherheitshalber nach: »Fehlt jemand?« – »Eurer Exzellenz Katze ist nicht da!« erhielt er von einem Offizier zur Antwort. Daraufhin ging Nelson noch einmal zurück auf das gefährdete Schiff, fand die Katze im Ruderhaus und brachte sie in Sicherheit.

Sehr viel mehr über maritime Katzenfreunde und das abenteuerliche Leben vieler Schiffskatzen ist übrigens in meinem Buch Schiffskatzen zu erfahren, einem erzählenden Sachbuch, das erstmalig chronologisch und systematisch über das Leben der Schiffskatzen aus 3.000 Jahren berichtet: http://8ly.de/234454

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Cat_Calendar (10) vom 9. April 2013: Joseph Victor von Scheffel

Joseph Victor von Scheffel (* 16.2.Karlsruhe 1826, † Karlsruhe 9.4.1886) Der promovierte Jurist gab seine wissenschaftliche Laufbahn 1852 auf, um Schriftsteller zu werden. 1854 erschien in Stuttgart sein literarisches Erstlingswerk, Der Trompeter von Säckingen, das einer der größten Bestseller des 19. Jahrhunderts wurde und zahllose Auflagen erlebte.

Titelblatt der Ausgabe von 1896

Titelblatt der Ausgabe von 1896

Eine der Hauptfiguren des Buches ist der Kater Hiddigeigei, der entfernt an Heinrich Heines literarische Katze Mimi erinnert. Doch im Gegensatz zu Heines nach politischer Freiheit dürstenden Mimi ist Hiddigeigei kein optimistischer Charakter. Die Lieder des Katers Hiddigeigei beschreiben ihn als misanthropischen Philosophen: »Da ward Hiddigeigei entsetzlich belehrt, | Da ließ er das Schwärmen und Schmachten, | Da ward er trotzig in sich gekehrt, | Da lernt’ er die Welt verachten.« Und Hiddigeigei folgert: »Menschentun ist ein Verkehrtes, | Menschentun ist Ach und Krach; | Im Bewußtsein seines Wertes | Sitzt der Kater auf dem Dach!« – Was ja keinesfalls gegen den Kater spricht!

Der Kater Hiddigeigei. Illustration aus der Ausgabe von 1896

Der Kater Hiddigeigei. Illustration aus der Ausgabe von 1896

Hiddigeigei kann man auch im Internet begegnen. Unter www.trompeter-von-saeckingen.de hat Bad Säckingen eine umfangreiche Trompeter-von-Säckingen-Homepage zur Ankurbelung des Fremdenverkehrs eingerichtet. Hiddigeigei muß dort allerdings mit einer einzigen Seite vorliebnehmen. Immerhin wird die Wirkungsgeschichte des Buches gut dokumentiert.

Einem eher zufälligen Fund im Internet ist es zu verdanken, dass genau einem Tag vor dem 123. Todestag von Joseph Victor von Scheffel ein sehr seltenes Sammelstück in das Archiv von Kater Paul eingestellt werden konnte. Eine Schallplatte aus dem Jahr 1985: Ballade und Lieder des Katers Hiddigeigei, komponiert von Kurt-Rolf Ronner.

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Das hier auch abgebildete Begleitheft beinhaltet die gesamte Notation der klavierbegleitenden Baßstimme. Auf der Schallplatte ist  einer meiner Lieblingstexte des Katers Hiddigeigei vertont:

Auch ein ernstes, gottesfürchtig | Leben nicht vor Alter schützet. | Mit Entrüstung seh’ ich, wie schon | Graues Haar im Pelz mir sitzet. | Ja, die Zeit tilgt unbarmherzig, | Was der einzle keck geschaffen – | Gegen diesen scharfgezahnten | Feind gebricht es uns an Waffen. | Und wir fallen ihm zum Opfer, | Unbewundert und vergessen; | O, ich möchte an der | Turmuhr beide Zeiger fressen!

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Cat_Calendar (9) vom 29. März 2013: Ernst Jünger

Enst Jünger mit Siamkatze. Quelle: blog.stuttgarter-zeitung.de

Enst Jünger mit Siamkatze. Quelle: blog.stuttgarter-zeitung.de

Ernst Jünger (* Heidelberg 29.3.1895, † Wilflingen 17.2.1998), deutscher Schriftsteller, hat sich vor allem in seinem monumentalen Tagebuchwerk (Siebzig verweht und Strahlungen) immer wieder über Katzen geäußert, »die sich seit Jahrzehnten bei mir ablösen«. Vor allem Siamkatzen hatten es ihm angetan. Über die »Prinzessin Li- Ping« heißt es in Strahlungen II: »Das Tierchen ist beigefarben; Kopf, Schwanz und Beine sind wie mit chinesischer Tusche angeraucht. Es steckt grazile Erlesenheit in ihr, fernöstliche Geschmeidigkeit mit Anklängen von Bambus, Seide, Opium.« Betrachtet man Jüngers Lebensalter und die Tatsache, daß er die längste Zeit seines Lebens mit Katzen zusammengelebt hat, wundert es nicht, daß in seinen Tagebüchern auch viel vom Sterben seiner Katzen zu lesen ist: »Gestern abend bei der Rückkehr aus Laon fand ich Amanda sehr krank mit zwei toten und drei lebenden Kätzchen im Korb. Es war niemand zu Haus; ich heizte den Ofen und hüllte das Tierchen in warme Tücher ein. Es schnurrte noch ein wenig zum Dank. Heute morgen fand ich es tot, immer noch mit dem noblen Kopf. Es kann nicht viel gelitten haben, denn es lag noch in dem Tuch, in das ich es wickelte.«

Doch es gibt auch hocherfreuliche und zeitlich passende Anlässe, über die berichtet wird: »Heute zum Hochzeitstage brachte Amanda drei prächtige Junge zur Welt. Das ist galant! Mit Erfolg fremd gegangen: die Tierlein, die sich wie ein Ei dem andern gleichen, sind getigert und gestromt.«

Ernst Jünger hat oft über die Kommunikation mit seinen Katzen nachgedacht. »Ich bemühe mich, zu erraten, was es [das »Tierchen« Amanda] gerade denkt. Wozu eigentlich? Wir beide kennen den Text – was sollen die Übersetzungen? Die Sympathie reicht tiefer als jeder Gedanke hinab.« An einer anderen Stelle faßte er diesen Gedanken noch radikaler: »Unser Verhältnis ist perfekt. Es dürfte nichts fehlen und nichts (etwa, daß sie sprechen könnten) hinzukommen.« Ein engverwandtes Thema ist die von vielen Schriftstellern immer wieder gespürte Abwesenheit von Katzen, die zwar körperlich anwesend sind, deren Geist jedoch in anderen Regionen zu schweifen scheint. »Auch die Katze hat ihre Launen – dann nimmt sie, wenn ich sie streichle, kaum Notiz von mir. Doch weiß ich ein unfehlbares Mittel, sie zu ermuntern: ich schmiege den Kopf auf ihr Fell. Sogleich beginnt sie zu schnurren, wie von einem elektrischen Zustrom berührt. Das Behagen überträgt sich auf mich.« Beim Thema Katze konnte der an sich ernste Denker aber auch in harmlose Albernheit verfallen. So hat er mit scheinbar großer Belustigung gern folgenden Witz kolportiert: »Zwei Katzen treffen sich: Ich trinke heute abend Milch! sagt die eine. Ich werde Wein trinken, sagt die andere, denn ich habe gehört: Wer Wein trinkt, wacht am Morgen mit einem Kater auf.«

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Cat_Calendar (8) vom 28. März 2013: Virginia Woolf

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Virginia Woolf, 1902. Fotografie von George Charles Beresford

Virginia Woolf (* London 25.1.1882, † Lewes 28.3.1941), englische Schriftstellerin und Ikone der Frauenbewegung, Mitbegründerin der legendären Bloomsbury Group. In einigen ihrer zahlreichen Essays hat sie sich über Katzen geäußert. In der Essaysammlung Der Tod des Falters berichtete sie, wie Katzen ihre Laufbahn als Schriftstellerin beeinflußt haben: »Um aber die Geschichte meiner beruflichen Erfahrungen fortzusetzen: mit meiner ersten Rezension verdiente ich ein Pfund, zehn Shilling und Sixpence; und ich kaufte von dem Geld eine Perserkatze. Dann wurde ich ehrgeizig. Eine Perserkatze ist zwar recht schön, sagte ich mir, aber eine Perserkatze ist nicht genug. […] Und so kam es, daß ich Romanautorin wurde.«

In Ein eigenes Zimmer berichtet sie über ihren Eindruck von einer Manx-Katze: » … indem ich auf die Manx-Katze zeigte, die wirklich ein wenig absurd aussah, das arme Tier, ohne Schwanz, mitten auf dem Rasen. War sie tatsächlich so geboren, oder hatte sie ihren Schwanz bei einem Unfall verloren? Die schwanzlose Katze ist, obwohl es auf der Insel Man einige davon geben soll, seltener als man denkt. Sie ist ein sonderbares Tier, eher kurios als schön. Es ist merkwürdig, welchen Unterschied ein Schwanz ausmacht.«

Virginia Woolf war übrigens mit der Schriftstellerin Katherine Mansfield befreundet, die ebenfalls in Katzen vernarrt war und in vielen Briefen an Virginia Woolf von ihren Katzen berichtet hat, beispielsweise in diesem Brief aus dem April 1919: »Am 5. April ist unsere einzige Osterglocke erblüht, und unsere Katze Charlie Chaplin hat ein Junges geworfen […] Während der Nacht kam das zweite Kätzchen, April, zur Welt – ein niedliches, kompaktes kleines Mädchen. Wenn es saugt, sieht es aus wie ein kleines Kind, das sein Nachtgebet spricht und dabei völlig überzeugt ist, dass Jesus us liebhat. Sie sijnd beide zum Auffressen hübsch: ihre Pfoten sind auf der Innenseite ganz weich, ganz rosig – wie noch nicht ausgereifte Himbeeren.«

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Cat_Calendar (7) vom 26. März 2013: Raymond Chandler

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Raymond Chandler und seine Katze Taki

Chandler, Raymond (* Chicago 1888, †La Jolla 1959), amerikanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Nach sehr unterschiedlichen Tätigkeiten in England und Amerika als Mitarbeiter im britischen Marineministerium, Reporter, Buchhalter einer Molkerei und Direktor mehrerer Ölgesellschaften, entschloß sich Chandler, Kriminalgeschichten zu schreiben. Ab 1933 erschienen Kurzgeschichten, 1939 veröffentlichte er seinen ersten Roman The Big Sleep, der ein großer Erfolg wurde. Bis 1958 folgten sechs weitere Romane, die bis auf eine Ausnahme verfilmt wurden. Der Held seiner Romane, Philip Marlowe, ist ein harter, illusionsloser, im Kern aber moralischer Privatdetektiv, der sich in einem Sumpf menschlicher Begierden und Schwächen bewegt. Gemeinsam mit Dashiell Hammett (1894 – 1961) gilt Chandler als bedeutendster Vertreter der schwarzen Serie (Hardboiled Novel) im amerikanischen Kriminalroman. Obwohl Katzen in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben, kommen sie in seinen Büchern nicht vor. Aber zwischen 1945 und 1951 hat er sich in Briefen an seine heute fast gänzlich unbekannten Kollegen Charles W. Morton, James Sandoe und Dale Warren sowie seinen Verleger Hamish Hamilton (1900 – 1988), mit dem er eng befreundet war, ausführlich über Katzen geäußert.

Im ersten dieser (jedenfalls bisher veröffentlichten) Briefe hat sich Chandler über seine Katzenliebe im allgemeinen und seine Katze Taki im besonderen geäußert: »Ich bin mein Leben lang ein Katzenliebhaber gewesen, und doch war ich nie richtig imstande, sie zu verstehen. Taki ist ein vollkommen ausgeglichenes Wesen und weiß immer, wer Katzen mag; mag einer sie nicht, so kommt sie nie auch nur in seine Nähe, und mag sie einer wirklich, so geht sie stracks auf ihn zu, ganz gleich, ob sie ihn erst seit kurzem kennt oder gar überhaupt nicht.« (An C. M., 19. 3. 1945) Über Taki sind wir relativ genau informiert, weil Chandler in seinen Briefen mehrfach und ausführlich über sie geschrieben hat. Beispielsweise über ihre Reiselust: »Wenn wir eine Reise machen, geht sie immer mit, egal wohin, behält alle Orte, an denen sie schon gewesen ist, im Gedächtnis und fühlt sich normalerweise überall wie zu Hause.« (An C. M., 19. 3. 1945) In diesem Brief albert er auch ein bißchen herum und berichtet von Taki, daß sie ab und zu eine Pfote locker in die Höhe hält. »Meine Frau glaubt, sie will uns damit zu verstehen geben, daß sie eine Armbanduhr haben möchte.«

Chandler konnte allerdings sehr gereizt reagieren und Freundschaften aufs Spiel setzen, wenn jemand sich abfällig über Taki äußerte. In einem Brief an Dale Warren vom 19. 1. 1948 beschwerte er sich ausgerechnet über Charles Morton, dem er in so warmen Tönen von Taki geschrieben hatte: »Unsere Korrespondenz steigert sich immer mehr in einen allerliebsten Ton unterdrückter Wut hinein. Angefangen hat das alles mit einer unglücklichen Bemerkung, die er über unsere Katze machte. Er gehört offenbar, bei all seinen vielen sonstigen Gaben, zu den Leuten, die nicht imstande sind, eine Katze von anderen zu unterscheiden: unsere Katze verhält sich zu einer gewöhnlichen Katze wie ein Alfa-Romeo-Sport-Zweisitzer zu einem Ford- Lieferwagen Modell A oder wie ein Rolls Silver Wraith zu einer Schubkarre.«

Fast auf den Tag genau zwei Jahre später sah sich Chandler gezwungen, bei seinem Verleger Hamish Hamilton, ein Mißverständnis aus dem Weg zu räumen. Es ist schon bemerkenswert, mit welch deutlichen Worten er sich zu seiner Katzenliebe und zu seiner Abneigung gegen Menschen, die keine Katzen mögen, bekennt: »Ich habe da wohl irgendwas gesagt, was Dich auf den Gedanken gebracht hat, Katzen seien mir verhaßt. Aber um Gott, Sir, einen so fanatischen Katzenliebhaber wie mich gibt es in der ganzen Branche nicht wieder! Wenn sie Dir verhaßt sind, werde ich unter Umständen Dich hassen lernen. Falls Deine Allergien daran schuld sind, will ich die Situation, so gut ich’s kann, tolerieren.« (An H. H., 26. 1. 1950)

Und noch ein drittes Mal spielen »Katzenhasser« in Chandlers Briefen eine Rolle. Am 9. 1. 1951 legt er seinem Verleger erneut dar, wie er zu diesem Menschenschlag steht: »Ich habe nie Leute gemocht, die keine Katzen mochten, weil in ihrer Gemütslage immer ein Element greller Selbstsucht zu finden war. Zugegeben, eine Katze bringt einem nicht die Art Liebe entgegen, die ein Hund einem schenkt. Eine Katze führt sich nie so auf, als ob man der einzige Lichtblick in ihrem sonst ganz trüben Dasein wäre.«

Doch in den meisten Passagen seiner Briefe ist die Rede von seiner Liebe zu Katzen und besonders zu Taki. Chandler wurde nicht müde, die Vorzüge, den Charakter und die Eigenarten seiner geliebten Katze ausführlich zu schildern. Zu Takis vornehmsten Eigenschaften gehörte offensichtlich ihre Eifersucht: »Wir konnten uns nie eine zweite Katze zulegen, weil Taki uns einfach nicht ließ. Einmal lasen wir in der Wüste ein streunendes Kätzchen auf und versuchten, es mit ins Haus zu nehmen, aber da wurde sie so rasend vor Wut, daß sie sich übergab. Also mußte das arme Kätzchen in der Garage schlafen und draußen essen, bis wir ihm eine neue Heimat gefunden hatten. Taki ist fürchterlich verwöhnt. Als wir das letzte Mal weggingen, schlug sie der Köchin die Brille von der Nase, und als wir wiederkamen, spuckte sie mich an und sprach zwei Tage lang kein Wort mit uns.« (An J. S., 9. 8. 1948) Auch Takis Verhalten Gästen gegenüber ist ein beliebtes Thema in Chandlers Briefen. So auch am 23. 9. 1948 an James Sandoe: »Wenn wir Gäste haben, sieht sie sich die Leute kurz an und trifft fast augenblicklich die Entscheidung, ob sie ihr sympathisch sind. Sind sie’s, so spaziert sie zu ihnen hinüber und läßt sich dort auf den Boden plumpsen, grad weit genug von ihnen entfernt, um ihnen die Möglichkeit, sie zu kraulen, nicht allzu leicht zu machen. Sind sie ihr aber unsympathisch, so setzt sie sich mitten ins Wohnzimmer, wirft einen verächtlichen Blick in die Runde und geht dann daran, sich den Rücken zu putzen – oder vielmehr den verlängerten Rücken. Mitten in dieser reizenden Vorstellung hält sie ganz plötzlich inne, hebt den Kopf, ohne ansonsten ihre Haltung zu ändern (ein Bein kerzengerade gegen die Decke gerichtet), und widmet sich dann wieder der Reinigung ihres Hinterteils. Diese Arbeit wird stets in der öffentlichsten Weise verrichtet.«

Trotz der Eigentümlichkeiten dieser Katze wurde sie von Raymond Chandler und seiner Frau fast abgöttisch geliebt. In einem Brief vom 26. 1. 1950 an Hamish Hamilton gesteht Chandler seinem Verleger: »Wir haben eine schwarze Angorakatze, die jetzt fast 19 Jahre alt ist und die wir nicht für einen der riesigen Türme von Manhattan hergeben würden.«

Taki starb am 14. 12. 1950 im Alter von fast 20 Jahren. Einzig seinen Briefen ist zu entnehmen, wie der Tod der Katze Raymond Chandler und seine Frau mitgenommen haben muß. Am 10. 1. 1951 beantwortete Chandler die Weihnachtsgrüße von James Sandoe kurz so: »Dank für Ihren Brief und die Weihnachtskarte. Ich habe in diesem Jahr nichts verschickt. Wir waren ein bißchen mitgenommen vom Tod unserer schwarzen Angorakatze. Wenn ich sage, ein bißchen mitgenommen, dann ist das konventionelle Distanz. In Wirklichkeit war es eine Tragödie für uns.«

Doch sehr lange währte Chandlers katzenlose Zeit nicht, ohne Katze konnte er das Leben offensichtlich nicht aushalten. Am 31. 10. 1951 berichtete er James Sandoe über einen neuen Hausbewohner: »Wir haben eine neue schwarze Angora, die genauso aussieht wie unsere letzte, so aufs Haar genau, daß wir ihr auch denselben Namen gegeben haben, Taki. Er – denn es ist diesmal ein Er – wird ein großer Bursche werden, glaube ich, wenn er voll ausgewachsen ist, denn er wiegt schon jetzt mit sieben Monaten acht Pfund.« Mit diesem Brief reißt Chandlers Schriftwechsel über Katzen leider ab, ein in diesem Umfang seltenes Dokument der Katzenliebe.

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Cat_Calendar (6) vom 17. Februar 2013: Heinrich Heine

Heinrich_Heine

Heinrich Heine 1831, Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882)

Am heutigen 157. Todestag von Heinrich Heine (1797-1856) soll an den deutschen Dichter erinnert werden, der um 1853 in seinem Gedicht Mimi die Katze als Symbol der Freiheit besungen hat:

Bin kein sittsam Bürgerkätzchen,
Nicht im frommen Stübchen spinn ich.
Auf dem Dach, in freier Luft,
Eine freie Katze bin ich.

Wenn ich sommernächtlich schwärme,
Auf dem Dache, in der Kühle,
Schnurrt und knurrt in mir Musik,
Und ich singe was ich fühle.

Also spricht sie. Aus dem Busen
Wilde Brautgesänge quellen,
Und der Wohllaut lockt herbei
Alle Katerjunggesellen.

Alle Katerjunggesellen,
Schnurrend, knurrend, alle kommen,
Mit Mimi zu musizieren,
Liebelechzend, lustentglommen.

Das sind keine Virtuosen,
Die entweiht jemals für Lohngunst
Die Musik, sie blieben stets
Die Apostel heilger Tonkunst.

Brauchen keine Instrumente,
Sie sind selber Bratsch und Flöte;
Eine Pauke ist ihr Bauch,
Ihre Nasen sind Trompeten.

Sie erheben ihre Stimmen
Zum Konzert gemeinsam jetzo;
Das sind Fugen, wie von Bach
Oder Guido von Arezzo.

Das sind tolle Symphonien,
Wie Capricen von Beethoven
Oder Berlioz, der wird
Schnurrend, knurrend übertroffen.

Wunderbare Macht der Töne!
Zauberklänge sondergleichen!
Sie erschüttern selbst den Himmel,
Und die Sterne dort erbleichen.

Wenn sie hört die Zauberklänge,
Wenn sie hört die Wundertöne,
So verhüllt ihr Angesicht
Mit dem Wolkenflor Selene.

Nur das Lästermaul, die alte
Prima-Donna Philomele
Rümpft die Nase, schnupft und schmäht
Mimis Singen – kalte Seele!

Doch gleichviel! Das musizieret,
Trotz dem Neide der Signora,
Bis am Horizont erscheint
Rosig lächelnd Fee Aurora.

Von der persönlichen Beziehung Heinrich Heines zu Katzen ist nicht besonders viel bekannt. Doch fest steht, dass er zumindest eine kurze Zeit mit einer Katze zusammengelebt hat, nämlich im Göttingen. Dort hatte er 1820 studiert, bevor er nach Berlin kam. In seinem zweiten Brief aus Berlin vom 16. März 1822 heißt es: »Ich liebe die Weiber noch immer; als ich in Göttingen von allem weiblichen Umgange abgeschlossen war, schaffte ich mir wenigstens eine Katze an.«

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Cat_Calendar (5) vom 8. Februar 2013: James Dean

Heute wird an den 82. Geburtstag von James Dean (8.2.1931 – 30.9.1955) erinnert, dessen Leben von einem kleinen Siamkater völlig umgekrempelt wurde. Ein ausführlicher Artikel in drei Teilen über James Dean und seinen Kater Marcus ist hier zu finden:

https://katerpaul.wordpress.com/2012/01/14/james-dean-und-sein-siamkater-marcus-13/

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