Eine Kurtisane und eine Katze sorgen für einen handfesten Kunstskandal

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Édouard Manet (1832-1883) | Olympia | 1863

Édouard Manets Olympia von 1863 deckte schlagartig die bis dahin nur unterschwellig dargestellte Verteufelung der weiblichen Erotik und ihre vage Gleichsetzung mit der ungehemmten und als dämonisch diffamierten Sexualität von Katzen auf. Seine Nackte ist kein Zitat eines entsexualisierten antiken Ideals und keine symbolische Darstellung, nicht mehr das traditionelle Urbild weiblicher Schönheit und Grazie. Mit seiner entblößten Kurtisane hielt Manet der verklemmten bürgerlichen Gesellschaft einen Spiegel vor, entfachte einen der größten Skandale der Kunstgeschichte und begründete die Moderne.

1865 stellte Édouard Manet seine Olympia auf dem Pariser Salon aus und sorgte durch diese öffentliche Präsentation eines aus damaliger Sicht pornographischen Bildes für einen Skandal, wie ihn Paris bis dato noch nicht erlebt hatte. Vor dem Gemälde kam es zu derart erregten Menschenansammlungen, dass man sich gezwungen sah, es in Deckenhöhe aufzuhängen, um zu verhindern, dass das Kunstwerk zerstört würde. Die zeitgenössischen Kritiker verhöhnten das Bild fast einhellig. Es sei »an den Pöbel gerichtet«, zeige einen »Hang zu unglaublicher Gemeinheit« und sei »von einer vollendeten Hässlichkeit«. Selbst Jules Champfeury und Théophile Gautier, die selbst über Katzen geschrieben hatten, wandten sich vehement gegen das Bild.

Bis auf sehr wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel Émile Zola, übersahen die Kritiker, dass Manet mit jener neuen Malweise, die auf eine sorgfältige Nuancierung zwischen hell und dunkel verzichtete und die Illusion einer dreidimensionalen Modellierung zugunsten einer sinnlichen Malerei fast aufgab, künstlerisches Neuland betreten hatte. Der Kunstkritiker Félix Deriège hat in seiner Rezension des Gemäldes vom 2. Juni 1865 das Neuartige in der Malerei Manets im Grunde genau erkannt – die kunsthistorische Revolution, die sich darin ankündigte, aber nicht verstanden: »Das Weiß, das Rot, das Grün erzeugen ein schreckliches Getöse auf dieser Leinwand.« So beginnt beispielsweise der Blumenstrauß, sich in Farbtupfer aufzulösen, und antizipiert damit den Impressionismus, als dessen Wegbereiter Édouard Manet heute gilt.

Die schwarze Katze rechts im Bild schaut den Betrachter selbstbewußt an. Sie scheint zu wissen, dass sie eine Patin der Moderne ist.

Mein neues Buch Katzen und ihre Frauen – Bilder einer besonderen Freundschaft unternimmt einen Streifzug durch die Geschichte der europäischen Malerei vom vierzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart. In ihm werden 50 Gemälde vorgestellt, die alle Zeiten überdauert haben, aber auch Künstlerinnen und Künstler, die längst in Vergessenheit geraten sind. Weitere Informationen zu dem Buch, das Mitte Juli erscheint, gibt es hier: http://bit.ly/20KEWLj

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