Katzen und ihre Frauen – Porno und Selfie

Was wir heute nicht einmal als schlüpfrig empfinden galt im achtzehnten Jahrhundert als pornographisch – wie diese Toilettenszene des französischen Malers Francois Boucher. Das Wort Toilette leitet sich übrigens aus dem französischen toile (Tuch) ab und ist ab dem sechzehnten Jahrhundert als Bezeichnung für ein kleines, auf einem Tisch ausgebreitetes Tuch gebräuchlich, auf dem man Waschzeug und Gegenstände der Haar- und Körperpflege abstellte. Später fand es für das Kämmen und die Garderobe einer Dame Verwendung. Toilettenszenen zeigen also Momente der Verwandlung von der privaten in die öffentliche Person.

Die Rokoko-Dame auf dem Gemälde mit ihrem Schönheitsfleck an der rechten Schläfe befestigt gerade ihren Seidenstrumpf mit einem roséfarbenen Band und gibt dabei den Blick weit über ihr Knie hinaus frei. Sie sitzt mit weit gespreizten Beinen auf einem Stuhl. Auf dem Boden zwischen ihren Beinen liegt ein rotbrauner Kater mit aufgeregt peitschendem Schwanz und grazil ausgestrecktem Hinterlauf. Er spielt nachlässig mit einem Wollknäuel. Eine Freundin oder Schwester, in jedem Fall eine Gleichrangige, lenkt den Blick der Hausdame mit neckischer Geste auf einen Hut. Vielleicht ist die gezeigte Kopfbedeckung ihr Vorschlag für die Einladung zu einem erotischen Plaisir, zu dem der geoffnete Brief auf dem Kaminsims einladen könnte.

Francois Boucher (1703-1770) | Die Morgentoilette | Öl auf Leinwand | 1742

Francois Boucher (1703-1770) | Die Morgentoilette | Öl auf Leinwand | 1742

Bei der Betrachtung des Gemäldes von Giavanni Reder drängt sich der Eindruck auf, der Kater Armellino hätte den italienischen Maler selbst beauftragt – so herrlich selbstbewusst ist er in dem Portrait seiner selbst (also: Selfie) dargestellt. Doch das Bild wurde von der römischen Dichterin Alessandra Forteguerra in Auftrag gegeben.

Giovanni Reder (1693- nach 1764) | Bildnis des Katers Armellino | Öl auf Leinwand | um 1750

Giovanni Reder (1693- nach 1764) | Bildnis des Katers Armellino | Öl auf Leinwand | um 1750

Weder von der Dichterin noch von dem Maler ist heute viel bekannt. Ihren nachhaltigen Ruhm verdanken die beiden vor allem diesem Gemälde, das als erstes Katzenportrait der europäischen Kunstgeschichte gilt. Ganz ohne Zweifel einmalig wird dieses Gemälde durch ein Sonett, das Alessandra Forteguerra bei dem Priester und Dichter Sperandio Bertazzi in Auftrag gegeben hatte und in das Gemälde einfügen ließ. Es trägt den Titel Sonett anlässlich eines Kusses, den eine schöne und hochgestellte Dame einem Kater gab. So frivol wie sein Titel beginnt auch das Sonett: »Dieser liebenswerte Kater, eingemeißelt in die Leinwand, | kostete den liebevollen Kuss der schönen Göttin. | Und seitdem nach der Natur ein Portrait von ihm gefertigt wurde, | bewacht man ihn gut und sehr eifersüchtig.« Die Liebe der Dichterin zu ihrem Kater muss wirklich sehr groß gewesen sein, denn Bertazzi schließt das Sonett mit den Zeilen: »Und wisse, dass Amor es nur mir gestattet, | innig zu küssen und den gegebenen | liebevollen Kuss aufzunehmen, um die Leidenschaft zu vertiefen.« Man kann wohl annehmen, dass sich nach der Fertigstellung des Gemäldes einige Eifersuchtsszenen im Haus der Dichterin zugetragen haben.

Mein neues Buch Katzen und ihre Frauen – Bilder einer besonderen Freundschaft unternimmt einen Streifzug durch die Geschichte der europäischen Malerei vom vierzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart. In ihm werden 50 Gemälde vorgestellt, die alle Zeiten überdauert haben, aber auch Künstlerinnen und Künstler, die längst in Vergessenheit geraten sind. Weitere Informationen zu dem Buch, das Mitte Juli erscheint, gibt es hier: http://bit.ly/20KEWLj

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