Sehnsucht und Nähe

In der Renaissance änderte sich das Verhältnis der Menschen zu ihren Katzen grundlegend. Man sah in ihnen nicht mehr allein die nützlichen Mäusefänger, sondern Hausgenossen mit persönlichen Eigenschaften, zu denen man intensive Bindungen aufbauen konnte und wollte. Auf dem Gemälde von Hans Süss von Kulmbach sieht man eine junge Frau, die mit traurigem Gesicht einen Kranz aus Vergissmeinnicht windet, wie uns das schwungvolle Spruchband verrät. Eine weiße Katze mit ebenfalls traurigem Gesichtsausdruck leistet ihr Gesellschaft. Ihr Blick schweift in die Ferne. Den Grund für die niedergeschlagene Stimmung, die Frau und Katze miteinander verbindet, verrät uns die Rückseite des Gemäldes. Sie ist mit dem Portrait eines jungen Mannes bemalt, dem Abbild des Verlobten oder Gatten der jungen Dame. Wir erfahren allerdings nicht, aus welchem Grund die beiden nicht beieinander sein können. Wir spüren nur, wie sehr die junge Frau und die weiße Katze unter seiner Abwesenheit leiden. Die auffällige Übergröße der Katze könnte bedeuten, dass die Trauer der beiden als gleichrangig zu bewerten ist.

Hans Süss von Kulmbach (um 1480-1522) | Junges Mädchen beim Kranzwinden | Öl auf Holz | um 1508

Hans Süss von Kulmbach (um 1480-1522) | Junges Mädchen beim Kranzwinden | Öl auf Holz | um 1508

Eine ganz andere Bildaussage ist in dem nur wenig später gemalten Bild von Bacchiacca zu sehen. Bei dem Portrait der unbekannten Schönen handelt es sich um eines der ersten Bilder, auf denen die Katze in trauter Zweisamkeit mit einer Frau dargestellt ist. Das prächtige Gewand und die aufwändige Haartracht weisen die madonnengleiche Renaissance-Dame als Angehörige der Oberschicht aus. Rätsel gibt allerdings ihr Gesichtsausdruck auf. Vorsichtig prüfend, fast ängstlich scheint sie den Betrachter anzuschauen. So, als würde eine Gefahr drohen, vor der sie die Katze mit schützenden Händen bewahren möchte.

Francesco Ubertini, genannt Bacchiacca (1494-1557) | Portrait einer jungen Frau mit Katze | Öl auf Leinwand | um 1525

Francesco Ubertini, genannt Bacchiacca (1494-1557) | Portrait einer jungen Frau mit Katze | Öl auf Leinwand | um 1525

Das Bild kann vor dem Hintergrund der sich verändernden Darstellung religiöser Motive in der Renaissance gesehen werden. In der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts wurden Maria und Jesus – aus Sicht der Gläubigen: Jungfrau und Heiland – in einem tiefgreifenden Säkularisierungsprozess zu Mutter und Kind. Die Betrachtungsweise änderte sich zugunsten einer Sicht auf die reale Welt. Auch in der Malerei wird nun die Welt gezeigt, wie sie ist, ohne jegliche religiöse oder mythologische Deutung. Rund einhundert Jahre später geht der florentinische Maler Bacchiacca noch einen Schritt weiter: In seinem Bild wandelt sich das Motivpaar Mutter und Kind zu Frau und Katze. Inniger konnte das Verhältnis einer Frau zu ihrer Katze auch in späteren Zeiten kaum dargestellt werden. So verstanden steckt in diesem Bild die provokative Aussage, dass man seine Katze wie das eigene Kind lieben kann. Vielleicht schaut uns die Dame deshalb so verhalten an.

Mein neues Buch Katzen und ihre Frauen – Bilder einer besonderen Freundschaft unternimmt einen Streifzug durch die Geschichte der europäischen Malerei vom vierzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart. In ihm werden 50 Gemälde vorgestellt, die alle Zeiten überdauert haben, aber auch Künstlerinnen und Künstler, die längst in Vergessenheit geraten sind. Weitere Informationen zu dem Buch, das Mitte Juli erscheint, gibt es hier: http://bit.ly/20KEWLj

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