Ferdinando Galiani (1728-1787)

»Schöne Frau, meine Mutter ist tot, meine Schwestern sind Nonnen, meine Nichten sind dumme Gänse; meine einzige Gesellschaft ist eine Katze.« Diese Briefzeilen schrieb der Neapolitaner Fernandino Galiani am 20. April 1771 an Madame d’Epinay, seine engste Freundin und Vertraute in Paris. Der heute kaum noch bekannte Schriftsteller, Ökonom und Diplomat galt als einer der geistreichsten Menschen seines Jahrhunderts und stand in ständigem persönlichen oder schriftlichen Austausch mit der intellektuellen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Elite seiner Zeit. Wie kommt es, dass er ausgerechent eine Katze als seine »einzige Gesellschaft« bezeichnete, mit der er sich, wie wir noch sehen werden, oft und stundenlang unterhielt?

Fernandino Galiani

Ferdinando Galiani

Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte der aus einer der einflussreichsten neaploitanischen Familien stammende Galiani anonym sein wirtschaftstheoretisches Hauptwerk Della Moneta – Libri Cinque (Über das Geld – Fünf Bücher), auf das sich ein Jahrhundert später sogar Karl Marx bezog. Nachdem Galianis Autorschaft kurz nach der Veröffentlichung bekannt wurde, überhäufte man den jungen Autor mit Ehrungen und Pfründen – selbst Papst Benedikt XIV. empfing ihn in Rom. 1759 wurde Galiani als Sekretär der Gesandschaft Königreichs Neapel nach Paris entsandt. Dort avancierte er schnell zum liebsten Gesprächspartner in den Salons, in denen kluge Frauen und die Enzyklopädisten um Paul Thiry d’Holbach, Melchior Grimm, Denis Diderot und d’Alembert verkehrte. »Durch sein enzyklopädisches Wissen, seine Klugheit und seinen blendenden Witz eroberte Galiani die Salons im Sturm«, schrieb Wolfgang Hörner 2009 in seinem Vorwort zu der von ihm herausgegebenen Auswahl von Galianis Werken und Briefen. 1769 wurde der parkettsichere Diplomat Opfer einer politischen Intrige, musste Paris umgehend verlassen und nach Neapel zurück kehren. Doch nicht etwa als persona non grata – Im Gegenteil. Die Rückkehr in seine Heimatstadt geriet zu einem Triumphzug. Er wurde befördert und erhielt fortan ein doppeltes Salär. Doch obwohl Neapel zu dieser Zeit die drittgrößte Metropole Europas war, konnte Galiani den Abzug aus Paris nicht ertragen. Er fühlte sich in eine Provinz verbannt.

Im März 1772 übermittelte er seiner Pariser Freundin diese Nachricht: »Um mich zu zerstreuen, ziehe ich zwei Katzen auf und studiere ihr Betragen. Ich sage Ihnen, das ist eine ganz neue Wissenschaft und ein ganz neues Studium. Seit Jahrhunderten zieht man Katzen auf, und trotzdem finde ich niemanden, der sie richtig studiert hätte. Ich habe Männchen und Weibchen … und habe ihre Ehe aufmerksam verfolgt. Würden Sie es glauben? In den Monaten ihrer Liebe haben sie niemals miaut; das Miauen ist also nicht die Liebesprache der Katzen, sondern sie rufen damit nur die Abwesenden. Eine andere sichere Entdeckung: die Sprache des Katers ist ganz verschieden von der Katze … Außerdem bin ich sicher, dass es mehr als zwanzig verschiedene Lautwandlungen in der Katzensprache gibt. Ihre Sprache ist wirklich eine Sprache; denn sie bedienen sich immer desselben Lautes, um dieselbe Sache auszudrücken. Ich würde kein Ende finden, wollte ich Ihnen alle meine Beobachtungen mitteilen; aber Sie sehen an diesem Pröbchen, dass ich bald als der Historiogriph von Neapel sein werde.« [Mit dem Begriff Historiogriph spielt Galiani auf den französischen Historiographen François Auguste Paradis Moncrif (1687-1770) an, den seine Zeitgenossen ironisch Historiogriph (von griffe = Kralle) nannten, weil er 1727 das erste Buch veröffentlichte, das einzig und allein die Hauskatze behandelt hat.]

Galiani legte keinen großen Wert auf das gesellschaftliche und intellektuelle Leben in seiner Heimatstadt. Er schrieb und empfing lieber Briefe. Noch lieber spielte und unterhielt er sich mit seinen Katzen. Im September 1772, nach dem Tod eines Freundes der Madame d’Epinay, schrieb Galiani ihr, » … dass trotz Ihrem Kummer und Unglück Ihr Leben in Paris weniger abgeschmackt ist als meins in Neapel, wo nichts mich fesselt außer zwei Katzen, die ich bei mir habe; als gestern eine von diesen durch die Schuld meiner Leute sich verlaufen hatte, geriet ich in Wut und entließ mein ganzes Gesinde. Zum Glück wurde der Kater heute morgen wieder gefunden, sonst hätte ich mich vor Verzweiflung aufgehängt.« Diesen Stromer erwähnte Galiani auch in einem Brief vom 2. Januar 1773 an Madame d’Epinay: »Schöne Frau, vorige Woche hatte ich viel Ärger und Sorgen, um Ihnen schreiben zu können; diese Woche habe ich ebensoviele, abgesehen davon, dass ich meinen Kater wieder bekommen habe, der verschwunden war, indem er hinter Straßenkatzen hergelaufen war.«

Wie ernsthaft sich Galiani mit seinen Katzen beschäftigte kann man daran ablesen, dass er, der die Geschichte der Katzen von Moncrif kannte, sich selbst längere Zeit mit zwei Buchprojekten befasste, aus denen dann leider nichts wurde. Fast genau ein Jahr nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt, am 22. Dezember 1770, berichtete er der Pariser Freundin davon: »Ich habe ein Buch im Kopf, das meine Einbildungskraft in hohem Maße befeuert; ich möchte es schreiben, aber meine Armkraft reicht nicht aus. Es wird heißen: Moralische und politische Belehrungen einer K<tze an ihre Jungen. Aus dem Kätzischen ins Französische übersetzt von Herrn Kratzerisch, Dolmetscher der Katzensprache an der königlichen Bibliothek. Da ich hier keine andere Gesellschaft habe als die meiner Katze, so träume ich immerzu von diesem Werk, das recht originell werden wird.« Es kann gut sein, dass der deutsche Schriftsteller E.T.A. Hoffmann (1776-1822) die Briefe Galianis kannte, denn sie sind 1818 in einer zweibändigen Ausgabe in Paris veröffentlicht worden. Obwohl Hoffmann durch seinen eigenen Kater zu seinem Hauptwerk Die Lebensansichten des Katers Murr inspiriert worden war, könnte ihm auch der Plan Galianis einen Anstoß dazu gegeben haben. Von einem zweiten Buchprojekt berichtete Galiani in einem Brief von 30. Mai 1772 Madame de Belsunce, der Tochter seiner Pariser Freundin: »Was mich in der öffetnlichen Achtung wiederherstellen könnte wäre die Geschichte der Katzen, an der ich jetzt arbeite.« Leider ist auch dieser Plan nicht umgesetzt worden – jedenfalls sind (bisher) keine Manuskipte oder Teile davon aufgetaucht.

Jean-Jaques Bachelier (1724-1806), Angorakatze, um 1761, Privatbesitz

Jean-Jaques Bachelier (1724-1806), Angorakatze, um 1761, Privatbesitz

Bei aller Liebe zu seinen beiden Hauskatzen träumte Galiani davon, eines Tages Angorakatzen sein eigen nennen zu können. »Kommt der Baron Gleichen hierher, wie man sagte? Sprechen Sie mit ihm von mir. Sagen Sie ihm, er solle mir schöne Angorakatzen mitbringen. Ich verpflichte mich, zu beweisen, dass die freie Ausfuhr von Angorakatzen noch nötiger und vorteilhafter ist als die des Getreides«, schrieb Galiani am 31. März 1770 an Madame d’Epinay. Angorakatzen nannte man in seiner Zeit langhaarige Katzen aus der Türkei oder Persien. Sie wurden auch als Französische Katzen bezeichnet und waren sehr teuer und nur in höchsten Adelskreisen verbreitet. Das Gemälde Angorakatze von Jean-Jaques Bachelier zeigt sehr detailreich die damalige Erscheinung der Angorakatze, deren Rasse heute als Perser bezeichnet wird. Im Unterschied zu den heutigen Zuchten dieser Rasse besaß die Angorakatze noch ein längliches Maul. Auch waren ihre Haare nicht so lang und dicht wie die heutigen Züchtungen. Gut vier Jahre musste Galiani warten, bis sich sein Traum erfüllte. Am 14. Mai 1774 konnte er Madame d’Epinay folgendes berichten: »Ich bin endlich in den Besitz einer Angorakatze gelangt; sie ist gestern aus Marsaille eingetroffen. Wenn sie am Leben bleibt und mir nicht gestohlen wird, habe ich drei Freunde in Neapel (denn ich habe schon zwei Katzen) … « Und ein gutes Jahr später bekam seine Angorakatze Gesellschaft, wie Galiani am 29. Juli 1775 an Madame d’Epinay schrieb: »Gestern habe ich aus Marseille eine Angorakatze für meinen Angorakater erhalten; wünschen Sie mir Glück dazu, denn ich bin auf dem Gipffel der Wonne. Es wird in Neapel eine Angorarasse geben, und die geistreichen Leute werden zum mindesten wissen, mit wem sie den Abend verbringen sollen … « Offenbar hatte niemand sonst in Neapel eine Angorakatze und Galiani machte sich Hoffnungen auf eine neue Katzendynastie in der Stadt.

Von Nachkommen dieser beiden Katzen ist zwar nichts bekannt geworden, doch Galianis Freude an den schönen Tieren blieb ungetrübt. Er lernte von ihnen sogar die Katzensprache, wie er in einem Brief an Madame de Belsunce vom 11. Mai 1776 berichten konnte: » … Sie war mein Lehrer in der Katzensprache gewesen, und obgleich ich sie nicht sprechen konnte, weil die Aussprache schwieriger war als die englische, verstand ich sie doch so ziemlich.« Mit dem Erlernen der Katzensprache ist der Neapolitaner nicht allein geblieben. Der französische Komponist Maurice Ravel (1875-1937) lebte in seinem Haus am Wald von Rambouillet mit einer großen Familie siamesischer Katzen zusammen, die sich von allen anderen Katzenrassen durch ihre eindringlichen Stimmen und ihre besonders ausgeprägte Erzählfreude unterscheiden. Ravel war mit den Stimmen seiner Katzen sehr vertraut, er hörte ihnen gern zu und sprach häufig mit ihnen. »Er war überzeugt davon«, schrieb die amerikanische Journalistin Helga Dudman, »daß er die Katzensprache verstand und die Katzen wiederum seine Antworten begriffen. Diese Überzeugung äußerte er häufig in Briefen an Freunde, in denen er diese auch über die Launen und Streiche der Katzen auf dem laufenden hielt. Auch der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) hat oft über die Kommunikation mit seinen Katzen nachgedacht – allerdings mit einem anderen Ergebnis: »Ich bemühe mich, zu erraten, was es [das Kätzchen Amanda] gerade denkt. Wozu eigentlich? Wir beide kennen den Text – was sollen die Übersetzungen? Die Sympathie reicht tiefer als jeder Gedanke hinab.« An einer anderen Stelle faßte er diesen Gedanken noch radikaler: »Unser Verhältnis ist perfekt. Es dürfte nichts fehlen und nichts (etwa, daß sie sprechen könnten) hinzukommen.«

Doch lange währte Galianis Freude an der Angorakatze nicht. In einem Brief an Madame de Belsunce vom 18. Juli 1777 zeigte er sich untröstlich über den Tod der Katze: »Das größte Unglück, das mir begegnen konnte und das mein Herz am tiefsten fühlt, wurde mir eben gemeldet, als ich Ihren Brief öffnete. Meine Anorakatze war von einer Terrasse in den Hof hinabgestürzt und tot auf dem Platze geblieben. Dieser Schlag ist ein Blitzschlag für mich. Ohne Spaß und ohne Übertreibung! Alle Dinge sind mir nach diesem Verlust gleichgültig geworden … Verlangen Sie von mir keinen längeren Brief. Kann man schreiben, wenn man seine Katze verloren hat?« Ein Jahr später gestand er seiner anderen Pariser Freundin am 13. Juni 1778 dieses: »Es ist nicht der Tod [meiner Katze], der mich bekümmert, darüber bin ich zur Vernunft gekommen. Ich sehe ein, dass er eine ganz natürliche Sache ist, und dass ich und wir alle ihn als solche nehmen sollten. Aber es ist die Todesart, die plötzliche und unvorhergesehene Art meines Verlustes, die mich untröstlich macht. Mit einem Wort: Wenn ich sie für zwei Stunden ins Leben zurückrufen könnte, wenn ich mit ihr sprechen, die Ursache ihrer Verzweiflung und Gedanken und letzten Willensäußerungen erfahren könnte, und wenn sie endlich wieder einschliefe, ich glaube, ich wäre zufrieden und getröstet, wie wenn es sich um eine Abreise handelte … Aber sie hat mich so plötzlich verlassen, dass ich wahrhaftig nicht weiß, ob sie sich selbst herabgestürzt hat, oder ob man sie heimtückischerweise herabgestürzt hat, und diese letztere Besorgnis, diese Ungewissheit sind das Schrecklichste von allem.« Fast 200 Jahre später hat ein anderer Autor den Tod seiner Angorakatze ebenfalls in einem Brief mitgeteilt. Taki, die Katze von Raymond Chandler, starb am 14. Dezember 1950. Am 10. Januar 1951 beantwortete Chandler die Weihnachtsgrüße seines Freundes James Sandoe kurz so: »Dank für Ihren Brief und die Weihnachtskarte. Ich habe in diesem Jahr nichts verschickt. Wir waren ein bißchen mitgenommen vom Tod unserer schwarzen Angorakatze. Wenn ich sage, ein bißchen mitgenommen, dann ist das konventionelle Distanz. In Wirklichkeit war es eine Tragödie für uns.«

Wer alle Äußerungen Galianis über seine Katzen lesen und dabei einen der klügsten, scharfsinnigsten und gleichzeitig witzigsten Autoren des 18. Jahrhunderts kennenlernen möchte, dem sei dringend dieses Buch empfohlen, das von seinem Verleger Wolfgang Hörner herausgegeben wurde, dem ich sehr dankbar bin, dass er mich auf einen der größten Katzenfreunde dieser Zeit aufmerksam gemacht hat.

Galiani

Und hier, last but not least, ein Foto von Wolfgang Hörner – mit Kater Gustav.

Hörnerkater

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