Cat_Calendar (7) vom 26. März 2013: Raymond Chandler

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Raymond Chandler und seine Katze Taki

Chandler, Raymond (* Chicago 1888, †La Jolla 1959), amerikanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Nach sehr unterschiedlichen Tätigkeiten in England und Amerika als Mitarbeiter im britischen Marineministerium, Reporter, Buchhalter einer Molkerei und Direktor mehrerer Ölgesellschaften, entschloß sich Chandler, Kriminalgeschichten zu schreiben. Ab 1933 erschienen Kurzgeschichten, 1939 veröffentlichte er seinen ersten Roman The Big Sleep, der ein großer Erfolg wurde. Bis 1958 folgten sechs weitere Romane, die bis auf eine Ausnahme verfilmt wurden. Der Held seiner Romane, Philip Marlowe, ist ein harter, illusionsloser, im Kern aber moralischer Privatdetektiv, der sich in einem Sumpf menschlicher Begierden und Schwächen bewegt. Gemeinsam mit Dashiell Hammett (1894 – 1961) gilt Chandler als bedeutendster Vertreter der schwarzen Serie (Hardboiled Novel) im amerikanischen Kriminalroman. Obwohl Katzen in seinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben, kommen sie in seinen Büchern nicht vor. Aber zwischen 1945 und 1951 hat er sich in Briefen an seine heute fast gänzlich unbekannten Kollegen Charles W. Morton, James Sandoe und Dale Warren sowie seinen Verleger Hamish Hamilton (1900 – 1988), mit dem er eng befreundet war, ausführlich über Katzen geäußert.

Im ersten dieser (jedenfalls bisher veröffentlichten) Briefe hat sich Chandler über seine Katzenliebe im allgemeinen und seine Katze Taki im besonderen geäußert: »Ich bin mein Leben lang ein Katzenliebhaber gewesen, und doch war ich nie richtig imstande, sie zu verstehen. Taki ist ein vollkommen ausgeglichenes Wesen und weiß immer, wer Katzen mag; mag einer sie nicht, so kommt sie nie auch nur in seine Nähe, und mag sie einer wirklich, so geht sie stracks auf ihn zu, ganz gleich, ob sie ihn erst seit kurzem kennt oder gar überhaupt nicht.« (An C. M., 19. 3. 1945) Über Taki sind wir relativ genau informiert, weil Chandler in seinen Briefen mehrfach und ausführlich über sie geschrieben hat. Beispielsweise über ihre Reiselust: »Wenn wir eine Reise machen, geht sie immer mit, egal wohin, behält alle Orte, an denen sie schon gewesen ist, im Gedächtnis und fühlt sich normalerweise überall wie zu Hause.« (An C. M., 19. 3. 1945) In diesem Brief albert er auch ein bißchen herum und berichtet von Taki, daß sie ab und zu eine Pfote locker in die Höhe hält. »Meine Frau glaubt, sie will uns damit zu verstehen geben, daß sie eine Armbanduhr haben möchte.«

Chandler konnte allerdings sehr gereizt reagieren und Freundschaften aufs Spiel setzen, wenn jemand sich abfällig über Taki äußerte. In einem Brief an Dale Warren vom 19. 1. 1948 beschwerte er sich ausgerechnet über Charles Morton, dem er in so warmen Tönen von Taki geschrieben hatte: »Unsere Korrespondenz steigert sich immer mehr in einen allerliebsten Ton unterdrückter Wut hinein. Angefangen hat das alles mit einer unglücklichen Bemerkung, die er über unsere Katze machte. Er gehört offenbar, bei all seinen vielen sonstigen Gaben, zu den Leuten, die nicht imstande sind, eine Katze von anderen zu unterscheiden: unsere Katze verhält sich zu einer gewöhnlichen Katze wie ein Alfa-Romeo-Sport-Zweisitzer zu einem Ford- Lieferwagen Modell A oder wie ein Rolls Silver Wraith zu einer Schubkarre.«

Fast auf den Tag genau zwei Jahre später sah sich Chandler gezwungen, bei seinem Verleger Hamish Hamilton, ein Mißverständnis aus dem Weg zu räumen. Es ist schon bemerkenswert, mit welch deutlichen Worten er sich zu seiner Katzenliebe und zu seiner Abneigung gegen Menschen, die keine Katzen mögen, bekennt: »Ich habe da wohl irgendwas gesagt, was Dich auf den Gedanken gebracht hat, Katzen seien mir verhaßt. Aber um Gott, Sir, einen so fanatischen Katzenliebhaber wie mich gibt es in der ganzen Branche nicht wieder! Wenn sie Dir verhaßt sind, werde ich unter Umständen Dich hassen lernen. Falls Deine Allergien daran schuld sind, will ich die Situation, so gut ich’s kann, tolerieren.« (An H. H., 26. 1. 1950)

Und noch ein drittes Mal spielen »Katzenhasser« in Chandlers Briefen eine Rolle. Am 9. 1. 1951 legt er seinem Verleger erneut dar, wie er zu diesem Menschenschlag steht: »Ich habe nie Leute gemocht, die keine Katzen mochten, weil in ihrer Gemütslage immer ein Element greller Selbstsucht zu finden war. Zugegeben, eine Katze bringt einem nicht die Art Liebe entgegen, die ein Hund einem schenkt. Eine Katze führt sich nie so auf, als ob man der einzige Lichtblick in ihrem sonst ganz trüben Dasein wäre.«

Doch in den meisten Passagen seiner Briefe ist die Rede von seiner Liebe zu Katzen und besonders zu Taki. Chandler wurde nicht müde, die Vorzüge, den Charakter und die Eigenarten seiner geliebten Katze ausführlich zu schildern. Zu Takis vornehmsten Eigenschaften gehörte offensichtlich ihre Eifersucht: »Wir konnten uns nie eine zweite Katze zulegen, weil Taki uns einfach nicht ließ. Einmal lasen wir in der Wüste ein streunendes Kätzchen auf und versuchten, es mit ins Haus zu nehmen, aber da wurde sie so rasend vor Wut, daß sie sich übergab. Also mußte das arme Kätzchen in der Garage schlafen und draußen essen, bis wir ihm eine neue Heimat gefunden hatten. Taki ist fürchterlich verwöhnt. Als wir das letzte Mal weggingen, schlug sie der Köchin die Brille von der Nase, und als wir wiederkamen, spuckte sie mich an und sprach zwei Tage lang kein Wort mit uns.« (An J. S., 9. 8. 1948) Auch Takis Verhalten Gästen gegenüber ist ein beliebtes Thema in Chandlers Briefen. So auch am 23. 9. 1948 an James Sandoe: »Wenn wir Gäste haben, sieht sie sich die Leute kurz an und trifft fast augenblicklich die Entscheidung, ob sie ihr sympathisch sind. Sind sie’s, so spaziert sie zu ihnen hinüber und läßt sich dort auf den Boden plumpsen, grad weit genug von ihnen entfernt, um ihnen die Möglichkeit, sie zu kraulen, nicht allzu leicht zu machen. Sind sie ihr aber unsympathisch, so setzt sie sich mitten ins Wohnzimmer, wirft einen verächtlichen Blick in die Runde und geht dann daran, sich den Rücken zu putzen – oder vielmehr den verlängerten Rücken. Mitten in dieser reizenden Vorstellung hält sie ganz plötzlich inne, hebt den Kopf, ohne ansonsten ihre Haltung zu ändern (ein Bein kerzengerade gegen die Decke gerichtet), und widmet sich dann wieder der Reinigung ihres Hinterteils. Diese Arbeit wird stets in der öffentlichsten Weise verrichtet.«

Trotz der Eigentümlichkeiten dieser Katze wurde sie von Raymond Chandler und seiner Frau fast abgöttisch geliebt. In einem Brief vom 26. 1. 1950 an Hamish Hamilton gesteht Chandler seinem Verleger: »Wir haben eine schwarze Angorakatze, die jetzt fast 19 Jahre alt ist und die wir nicht für einen der riesigen Türme von Manhattan hergeben würden.«

Taki starb am 14. 12. 1950 im Alter von fast 20 Jahren. Einzig seinen Briefen ist zu entnehmen, wie der Tod der Katze Raymond Chandler und seine Frau mitgenommen haben muß. Am 10. 1. 1951 beantwortete Chandler die Weihnachtsgrüße von James Sandoe kurz so: »Dank für Ihren Brief und die Weihnachtskarte. Ich habe in diesem Jahr nichts verschickt. Wir waren ein bißchen mitgenommen vom Tod unserer schwarzen Angorakatze. Wenn ich sage, ein bißchen mitgenommen, dann ist das konventionelle Distanz. In Wirklichkeit war es eine Tragödie für uns.«

Doch sehr lange währte Chandlers katzenlose Zeit nicht, ohne Katze konnte er das Leben offensichtlich nicht aushalten. Am 31. 10. 1951 berichtete er James Sandoe über einen neuen Hausbewohner: »Wir haben eine neue schwarze Angora, die genauso aussieht wie unsere letzte, so aufs Haar genau, daß wir ihr auch denselben Namen gegeben haben, Taki. Er – denn es ist diesmal ein Er – wird ein großer Bursche werden, glaube ich, wenn er voll ausgewachsen ist, denn er wiegt schon jetzt mit sieben Monaten acht Pfund.« Mit diesem Brief reißt Chandlers Schriftwechsel über Katzen leider ab, ein in diesem Umfang seltenes Dokument der Katzenliebe.

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