Die Katze als Artenvernichter und umweltgefährdender Schädling

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 31. Januar 2013 von einer neuen Studie über den Einfluss freilaufender Hauskatzen auf die Tierwelt in den Vereinigten Staaten (The impact of free-ranging domestic cats on wildlife of the United States), die in diesen Tagen im Online-Magazin Nature Communications veröffentlicht worden ist.

Nach dieser Untersuchung mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit töten die schätzungsweise 84 Millionen freilaufenden Hauskatzen in den USA jährlich bis zu 3,7 Milliarden Vögel und 20,7 Milliarden Säugetiere, sie haben ferner zur Ausrottung von 33 Arten mindestens beigetragen und sind somit eine »größere Gefahr für die Artenvielfalt als landwirtschaftliche Pestizide oder die Zerstörung der natürlichen Lebensräume durch den Menschen« – so die Autoren der Studie.

Das klingt auf den ersten Blick hochdramatisch. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die in der Studie enthaltenen Zahlen, Analysen und Bewertungen allerdings als ziemlich fragwürdig. Aber der Reihe nach.

Im Internet ist lediglich eine kurze Zusammenfassung der Studie frei zugänglich. (Der ganze Artikel in Nature Communications ist nur für 30 € einsehbar.) Und schon dieses Abstract räumt ein, dass es auch 1,4 Milliarden Vögel sein könnten, die jährlich Katzen zum Opfer fallen. Wenn wir einmal kurz nachrechnen, würde also jede amerikanische Hauskatze pro Monat mindestens 1,6 Vögel töten. Selbst das klingt viel. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass Katzen in aller Regel nur kranke oder schwache Vögel in die Krallen kriegen, relativiert sich der Schrecken dieser Zahlen schon sehr erheblich.

Auch bei den Säugetieren, die von Katzen getötet werden, schwanken die in der Studie angegebenen Zahlen erheblich: es sollen zwischen 6,9 und 20,7 Milliarden im Jahr sein. Aber, bitteschön, von welchen Säugetiere reden wir denn hier? Es sind zu etwa 90% Ratten und Mäuse, das haben jedenfalls andere Studien über den Mageninhalt (durch den Straßenverkehr!) getöteter Katzen ergeben. Und Hallo! Haben wir Menschen uns nicht vor über 5000 Jahren mit den Katzen angefreundet, damit sie Ratten und Mäuse töten? Und zwar möglichst viele von diesen Futterschädlingen, die überdies ansteckende Krankheiten verbreitet haben (beispielsweise die Pest) und immer noch verbreiten? In einem gebe ich der Studie Recht: die Katze ist und bleibt ein Raubtier, auch unsere Hauskatze. Wäre sie es nicht, sähe die Ratten- und Mäusepopulation (selbst heute) ganz anders aus. Der renommierte Verhaltensforscher Paul Leyhausen hat einmal errechnet, dass eine freilaufende Bauernkatze pro Jahr durchschnittlich etwa 5.000 Mäuse tötet. Da liegen die freilaufenden amerikanischen Hauskatzen also noch weit unter dem Durchschnitt!

Besonders ärgerlich an dieser sogenannten Studie sind aber nicht die in ihr enthaltenen Zahlen, sondern der behauptete, angeblich artenvernichtende Einfluss der Katze auf die Tierwelt. Und die oben schon zitierte Bewertung, wonach die Katze eine »größere Gefahr für die Artenvielfalt [ist] als landwirtschaftliche Pestizide oder die Zerstörung der natürlichen Lebensräume durch den Menschen«. Auch über diese Aussage kann man nur den Kopf schütteln. An der Vernichtung von 33 Arten soll die Katze also zumindest beteiligt gewesen sein. Das ist ja empörend, höre ich nun viele aufschreien. Aber haben die Autoren der Studie wirklich aus den Augen verloren, dass nach dem Bericht der Vereinten Nationen zur Artenvielfalt (Quelle: Wikipedia, Stichwort »Aussterben«) derzeit bis zu 130 Tierarten täglich aussterben? Und dafür werden diese vier Faktoren verantwortlich gemacht:

  • die Art der Landnutzung (Land- und Forstwirtschaft) mit ihrem rasanten Flächenverbrauch und der damit einhergehenden Waldvernichtung und Bodendegeneration
  • der aktuelle Klimawandel
  • die Chemisierung unserer Umwelt und der Landwirtschaft
  • und schließlich die so genannten invasiven Arten, welche einheimische Arten verdrängen. – Zu denen aber Katzen ausdrücklich nicht zählen.

Selbstverständlich steht in diesem Bericht kein Wort von der Katze als Bedrohung der Umwelt und der Artenvielfalt. Aber eine ganze Menge über den Menschen …

Es wäre eine spannende Aufgabe, einmal zu recherchieren, wer diese neue Studie finanziert hat. (Die im übrigen nicht auf eigenen Erhebungen basiert, sondern lediglich andere Studien ausgewertet haben will.) Ich vermute dahinter ein Institut, das der amerikanischen Land- und Forstwirtschaft nahe steht. Aber dazu müsste man erst einmal 30 Euro ausgeben, um die ganze Studie lesen zu können. Und diese 30 Euro sind mir – ehrlich gesagt – dafür zu schade.

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14 Kommentare

Eingeordnet unter Katzenklo

14 Antworten zu “Die Katze als Artenvernichter und umweltgefährdender Schädling

  1. Ich bin da sicher das da keine Katzenfreunde dahinterstecken. Wie heißt der Spruch? sagt Mu-Shan: „Glaube nicht an Statistiken, wer weiß wer die gefälscht.“

  2. Mein Vorschlag:
    Wir machen ein Katz-Crowd-Fun-Ding, leisten uns die Studie und nehmen sie hier und/oder sonstewo mal so richtig auseinander. Wozu haben wir unsere Krallen?!
    miaumio!

  3. Also ich bin auch davon überzeugt, daß diese“Katzen-studie“ hochgradig unseriös ist (meine Katzen “ Kita & Rosi“ sind zu recht stinksauer!)-
    @ Ginivra: Der Vorschlag diese „Studie“ mal gemeinsam „in Stücke zu reissen“ klingt reizvoll –
    das üble solcher „Studien“ ist nämlich, daß es in dieser Welt sehr viele davon gibt. Die verbreiten sich wie ein „Virus“ und machen KRANK und die meisten Leute denken dann – das wäre „gesund“ –

  4. Genau zu diesem Artikel habe ich auch versucht, Daten zu recherchieren. Denn die Journaille nimmt die Studie dankbar mit Headlines wie „Katze mit Killerinstinkt“ auf. Ich habe sogar an den Autor der Studie eine Mail geschickt, um mir das statistische Material, das zugrundeliegt, erklären zu lassen – bisher ohne Antwort. Was mich eher nachdenklich stimmt ist die Tatsache, dass in vielen Artikeln sofort der Satz aufgenommen wurde: Damit ist die Katze verantwortlich für mehr Umweltschäden als Pestizide in der Landwirtschaft. Dieses Statement scheint mir das wirkliche Ansinnen des Artikels zu entlarven, nämlich die Auswirkungen von Pestiziden auf das Ökosystem und damit auch auf die Artenvielfalt von Vögeln, zu verschleiern.
    Sicher gibt es Katzen, die auch Vögel fangen. Nur in dem beschriebenen Ausmaß kann man sich das kaum vorstellen. Es ist ein immer wieder gern genutztes Märchen, auch von Jägern, dass das Raubtier Katze für die Dezimierung von Tierbeständen verantwortlich sei. Leider gibt es bisher nur sehr wenige wirklich wissenschaftliche Untersuchungen über das Jagdverhalten von freilaufenden Katzen. Doch die kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die von Katzengegnern angegeben Zahlen bei weitem übertrieben sind.
    Ich werde weiter versuchen, mit dem Autor in Kontakt zu kommen, um mir ein Bild zu machen, welches Zahlenmaterial das Institut benutzt hat – wenn’s klappt, wird es einen Artikel bei http://www.citypets.de dazu geben …
    Ansonsten: Hand am Puls, Katzenfreunde, selbst scheinbar seriöse Wissenschaftler können sich mächtig verrechnen. Schade wäre es nur, wenn die Studie von der Chemieindustrie gekauft ist.

    • @ Thomas: Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich befürchte, wie Du, dass diese angeblich wissenschaftliche Studie tatsächlich von der Lobby der Chemie- und Agrarindustrie finanziert worden ist. Die Folgerungen, die die Studie aus ihren Ergebnissen zieht, weisen jedenfalls darauf hin!

      • @ katerpaul: Sieht genau so aus. Denn bis heute habe ich noch keine Antwort erhalten. Und das Schlimme daran ist, dass sich solche meiner Meinung nach vollkommen unseriösen Statements dann in den Hirnen derer festsetzen, die gerne nachplappern, was bestimmte Medien kolportieren … konnte das gestern schon bei einem Gespräch im Café feststellen, wo mich jemand, der weiß, dass ich Katzen habe, auf den Artikel ansprach. Da kann man nur versuchen, mit Bordmitteln (wie z. B. diesem Blog hier :-)) gegenzuhalten und ein wenig Aufklärungsarbeit betreiben!

      • Noch ein Kommentar zu diesem Artikel, das muss sein. Wir haben die Studie gestern für 30,- Dollar gekauft und gelesen (was wohl die meisten der Journalisten, die darüber geschrieben haben, nicht getan haben). Kurze Zusammenfassung: Das ganze ist eine Schätzung auf der Basis wissenschaftlicher Artikel aus den Jahren 1936 (!) bis 2011. Die Gegendarstellung verbreiten wir gerade überall da, wo wir denken, dass sie Verbreitung findet: http://www.citypets.de/stories-katze-hund/reportagen/553-hauskatzen-und-artenschutz.html
        Wir würden uns freuen, wenn das von vielen Leuten über Facebook, twitter oder eigene Seiten geteilt wird!

  5. Pingback: Noch einmal: Die Katze als Artenvernichter? | Kater Paul

  6. David

    Die Studie bestätigt meine Recherchen über kleinen Raubtiere.
    Eine Katze ist noch nicht dramatisch. Jedoch nimmt der „Katzenjammer“ überhand in einigen Gemeinden.
    Viele Katzen bedeuten weniger natürliche Tierwelt. Singvögel, Nager, Igel warden vertrieben. Dadurch vermehren sich Schädlinge, wie zum Beispiel der Dickmaulrüssler.
    Des weiteren warden Sandkästen, Rasenflächen etc als Katzenklo missbraucht.
    Ich zumindest werde den Katzen den Kampf ansagen!

  7. David

    Guten Tag liebe Katzenwelt.
    Natürlich klingt die Studie hart und unrealistisch. Es ist aber etwas wahres dran. Ich weiß auch nicht, ob mein Kommentar überhaupt gezeigt wird, da er nicht unbedingt pro Katzen ist. Ich hoffe dennoch, da wir ja in einer Demokratie leben.
    Es ist Fakt, dass es zu viele Katzen gibt. Diese „wilden“ Tiere werden verpäppelt und in Vororten frei herumlaufen gelassen. Ohne natürliche Feinde. Katzen sind mitunter, indirekt für Schädlingsbefall in Gärten verantwortlich. Sie vertreiben natürliche Feinde (Feldmäuse, Nager, Vögel) von zum Beispiel Rüsselläfern, deren Larven Wurzeln von Pflanzen befallen.
    Ich habe selber Katzenliebhaber in der Nachbarschaft, welche dann befallene Pflanzen mit Gift bekämpfen.
    Es ist schon makaber, dass man zuliebe der Katzen, die Umwelt (Bienen, Insekten allgemein, kleine Säuger, etc.) aufs Spiel setzt. Sogar für unsere Nachkommen verseucht….

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