Katzen und Mäuse, einmal anders betrachtet

Abbildung aus: Ulrich Klever, »Knaurs großes Katzenbuch«, München, 1985

Dieser skurrile Kupferstich mit dem Titel »Wie die Mäuse die Katze begraben« stammt aus Rußland und wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts produziert. Mäuse ziehen und begleiten einen Leichenwagen, in dem eine tote, aber sicherheitshalber noch gefesselte Katze liegt. Die Mäuse-Eskorte macht einen munteren Eindruck: Man führt Speisen, Getränke und Eßbesteck mit sich, trägt Narrenkappen, musiziert mit Zimbeln, Trommeln und Trompeten, tanzt ausgelassen oder schmaucht ein Pfeifchen. Der Leichenzug läßt es sich gut gehen.

Diese »verkehrte Welt«, die die wirklichen Herrschaftsverhältnisse zwischen Katzen und Mäusen umkehrt, hat durchaus politische Implikationen. Wenn man diesen Bilderbogen genauer betrachtet, stellt man fest, daß die Darstellung der Schnurrbarthaare der Katze auffällig an eine bestimmte Person der Zeitgeschichte erinnert – nämlich an den russischen Zaren Peter den Großen. Auf dem Bilderbogen wird also nicht lediglich eine Katze bestattet, sondern auch (zu Lebzeiten!) ein politischer Despot.

Im Karneval wird ebenfalls eine »verkehrte Welt« gelebt. Solange er dauert, ist keine Sitte und kein Brauch vor Lächerlichkeit gefeit, und selbst die höchsten Persönlichkeiten müssen darauf gefaßt sein, verspottet zu werden. (Wir werden das in zwei Wochen wohl erleben.) In vordemokratischen Zeiten hatte der Karneval denn auch eine Ventilfunktion: Einem Narren wurde die Krone aufgesetzt und er übernahm für Tage die Herrschaft. Der heutige Sturm auf die Rathäuser und das Abschneiden der Krawatten zur Weiberfasnacht ist noch ein Überbleibsel dieser kurzfristigen Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse.

Eine aktuelle Anzeigenkampagne der Schweizer Medien greift diese historischen Bezüge auf:

Sie zeigt ebenfalls eine »verkehrte Welt« und will damit Aufmerksamkeit für ihr Anliegen schaffen. In dem Katze-Maus-Motiv und fünf weiteren Kampagnenmotiven werden natürliche Fressfeinde gezeigt. Nur wird in den Bilder der in der Natur Unterlegene als Überlegener präsentiert und damit Irritation, also Aufmerksamkeit erzeugt. Die weiteren Motive der Kampagne kann man sich hier anschauen:

http://www.schweizermedien.ch/index.php?id=318

Ich denke, man sollte hier nicht gleich mit der großen Keule »Katzenfellhandel« zuschlagen. (Die nicht oft genug in die Hand genommen werden kann, um hier nicht mißverstanden zu werden.) Aber man verrät seine Ideen nicht, wenn man auch mal zwischendurch die Brille der Political Incorrectness aufsetzen und dabei lachen kann … Denn: »Das Gelächter ist«, nach Harvey Cox, »der Narren letzte Freiheit.«

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