Über Zuchtkatzen (3/3)

Zuchtkatzen und Hauskatzen

Die überwiegende Mehrzahl der Katzenfreunde lebt mit der ursprünglichen, sich mehr oder weniger frei selbst vermehrenden Hauskatze zusammen. Nach ungesicherten Schätzungen bilden die Hauskatzen etwa 85% der feliden Population Europas. Deren menschliche Mitbewohner verfügen erst seit Facebook über nennenswerte Netzwerke. Im Gegensatz dazu unterhalten die Besitzer von Zuchtkatzen traditionell ein weitgespanntes Netz von nationalen und internationalen Verbänden, Verbandszeitschriften, ehren- und hauptamtlich Tätigen, Satzungen, Ordnungen und Zuchtstandards, regelmäßigen Zusammenkünften, Ausstellungen und sonstigen Formen strukturierter und hierarchisierter Kommunikation. Dieser unglaublich intensive, bestenfalls nutzlose, aber für die Katze leider hauptsächlich schädliche Aufwand, der hier betrieben wird, benötigt selbstverständlich eine Legitimation. Warum soll man so viel Zeit und Geld für die Zucht oder den Kauf einer Zuchtkatze investieren, wenn sich genügend Hauskatzen schnurrend auf der Welt tummeln?

»Wozu Hauskatzen vermehren?« lautet deshalb ein beliebtes Ablenkungsmanöver unter Züchtern und in deren Verbandsmitteilungen. Beim Versuch einer Antwort dieser rhetorisch gestellten Frage verweist man gern auf die vielen herrenlosen Streuner und die Katzen, die im Tierheim auf ein neues Zuhause warten. Auf die Idee, angesichts dieser Tatsache die Frage »Wozu Zuchtkatzen vermehren?« zu stellen, kommt man in diesen Kreisen offensichtlich nicht, denn die höhere Wertigkeit der Zuchtkatze steht ihnen außer Frage. Das planmäßige Vorgehen des Züchters (das Zuchtziel), die »Reinheit« der Rasse und der Stammbaum, das Dokument dieses nicht selten inzestuösen Geschehens – dies zusammengenommen soll die Zuchtkatze weit über die Hauskatze stellen, ihre Höherwertigkeit begründen und läuft im Kern auf ein felides Kastensystem hinaus, in dem die Zuchtkatzen den Rang der Brahmanen einnehmen und die Hauskatzen die Rolle der Parias. Dies stellt in aller Regel eine Umkehrung der sozialen Wirklichkeit der Züchter dar, die ihr Katzengeschlecht gern mit Adelsprädikaten und hochtrabenden Doppelnamen zieren. Wenn Frau Henkel aus Bottrop ihre Rassefamilie schlicht »von Hohenstein-Zollernburg« nennt (was eher die Regel ddnn die Ausnahme ist), liegt der Verdacht nahe, daß hier soziale Defizite ausgeglichen werden sollen. Zu deren Kompensation wird eine Nobilitation einfach selbst vorgenommen.

In den meisten Katzenverbänden werden Hauskatzen zwar als Rasse anerkannt. Sie heißen dann entweder European, Europäisch Kurzhaar oder schlicht Hauskatze, und es existieren (wie bei den »adligen« Verwandten) Standards zur ihrer Bewertung. Erwachsene Tiere sollten aber möglichst kastriert werden, denn »die Hauskatze soll kein Rassemischling sein«, wie es im Standard der World Cat Federation mit Hauptsitz in Essen heißt. Allerdings scheint es mit der Zucht der Hauskatze nicht weit her zu sein, sie ist »praktisch zum Erliegen gekommen« bedauert eine Fachzeitschrift. (Was niemanden ernsthaft wundert, wenn man gleichzeitig dazu auffordert, erwachsene Tiere zu kastrieren!) Und weiter im Text: »Wenn nichts für den Fortbestand typvoller Europäisch Kurzhaar-Katzen getan wird, steht es schlecht um ihre Zukunft.« Wer mit Hauskatzen zusammenlebt, kann über diese Sorge nur den Kopf schütteln. Es ist doch wohl eher als positives Signal zu werten, wenn diese Katzenverbände und ihre Züchter die Finger von der Hauskatze lassen. Die Schöpfer von tauben, zwergwüchsigen, verkrüppelten, haar- oder schwanzlosen »Rassen« sind stolz auf die kilometerlangen Stammbäume ihrer Kreaturen und auf die Urkunden, Auszeichnungen und Trophäen, die auf fragwürdigen Ausstellungen en masse ausgeteilt werden – sie sollen lieber bei ihren »Rassen« bleiben und nicht auch noch die gute alte Hauskatze verschandeln. Es ist bei der Katzenzucht leider schon genug Unheil angerichtet worden, dem endlich Einhalt geboten werden müßte.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Katzenklo

4 Antworten zu “Über Zuchtkatzen (3/3)

  1. Trixi Geng

    Du hast mir voll aus dem Herzen gesprochen – ich kann da jedes Wort nur unterstreichen!

  2. Das zu lesen macht mich wirklich betroffen. Ich habe mich mit dem Thema Katzenzucht bisher nicht allzusehr auseinandergesetzt, außer dahingehend, dass ich nicht umhin komme, z. B. Kartäuser und Scottish Fold einfach sehr, sehr hübsch zu finden. Dass auch bei solchen Rassen die körperlichen/geistigen Defizite für die Katze zum Problem werden (speziell das Hörvermögen der Fold), war mir bislang nicht bewusst.

    Ebenso wenig die Tatsache, wie bemerkenswert kühl und tierverachtend offenbar die Züchter (im Allgemeinen) an die Sache herangehen. Bei all diesen Kategorisierungen, Reglements etc. sehe ich keinen Unterschied zu Modellbau oder Handwerkerei – also Hobbies, bei denen man an toter Materie herumwurschtelt, bis sie so aussieht, wie man es gern hätte. Offenbar vergessen die meisten Züchter wohl tatsächlich, dass sie lebende, fühlende Wesen vor sich haben. Was mit dem Ausschuss, der nicht den Bedingungen genügt, passiert, mag ich mir gar nicht vorstellen…

  3. Pingback: Wenn Menschen Gott spielen | Kater Paul

  4. Gigi

    Wir hatten bisher 3 Hauskatzen in unsrer Familie, davon 2 aus dem Tierheim.
    Der eine markierte- alles-,trotz Kastration.
    Die nächste riß die Tapeten von den Wänden und dann nahmen wir noch eine dazu, damit sie Unterhaltung hat-es wurde nicht besser.

    dann habe ich mich vor einiger Zeit dann doch für 2 Rassekatzen entschieden. Aus einer tollen Zucht, in einer Familie aufgewachsen.
    Wie Tag und Nacht. Verspielt, liebevoll zutraulich, sozialisiert– einfach toll.
    Obwohl ich früher anderer Meinung war, nur noch Rassekatzen: Voraussetzung ein liebevoller Züchter, dem es nicht ums Geld geht.
    Eure Gigi

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