James Dean und sein Siamkater Marcus (1/3)

James Dean und der Siamkater Louis XIV.

Louis XIV., der Kater von Beulah und Sanford Roth. © by Sanford Roth

Anfang der 50er Jahre bereiste der Fotograf Sanford Roth mit seiner Frau Beulah viele Länder Europas, um zahllose Künstler und Wissenschaftler zu porträtieren und mit Aldous Huxley ein Buch über Paris zu schreiben, das 1953 erschien. Dabei wurden sie von ihrem Siamkater Louis XIV. begleitet, der bei allen Foto-Terminen dabei war und oft mit den Künstlern fotografiert wurde. Mitte Juli 1955 wurde Sanford Roth von Warner Brothers als Standfotograf für den Film Giganten verpflichtet. Über seine erste Begegnung mit dem Hauptdarsteller James Dean berichtete er folgendes: »Ich bemerkte einen jungen Mann, der mit einem Lasso spielte. Er sah aus, als ob er sich mit Pferden und Vieh auskannte. Es war Jimmy Dean. Er beobachtete mich, als ich mich ihm näherte.« Nachdem Roth sich vorgestellt hatte, fragte James Dean sofort, ob er der Sanford Roth wäre, der gemeinsam mit Aldous Huxley ein Buch über Paris verfaßt habe. Roth bejahte und James Dean lud sich noch für den gleichen Abend bei dem Ehepaar zum Essen ein. »Eines Tages rief mich mein Mann aus dem Studio der Warner Brothers an«, schrieb Beulah Roth 1963 in ihrem Buch The Cosmopolitan Cat über diesen Tag. »›Hast Du etwas dagegen, wenn ich einen jungen Mann zum Essen mitbringe? Er arbeitet bei den Giganten mit. Was gibt es eigentlich?‹ ›Curry-Huhn mit Chutney. Und wenn es ein junger Mann ist, wird er es nicht mögen. Von wem redest Du überhaupt?‹ ›Jimmy Dean.‹ ›Ich schluckte und beeilte mich, eine Gesichtsmaske aufzulegen.‹«

Sanford und Beulah Roth waren zu diesem Zeitpunkt etwa doppelt so alt wie James Dean, der am 8. Februar 1955 seinen vierundzwanzigsten Gerburtstag gefeiert hatte. Er drehte gerade mit Giganten nach Jenseits von Eden und Denn sie wissen nicht, was sie tun seinen dritten Kinofilm. Denn sie wissen nicht, was sie tun war noch nicht einmal in die Kinos gekommen. Dean sollte die Uraufführung nie erleben. Sie fand am 27. Oktober 1955 statt, genau vier Wochen nach seinem tragischem Unfalltod.

An ihrem ersten gemeinsamen Abend erlebten Sanford und Beulah Roth in ihrer Wohnung in West Hollywood zunächst einen mürrischen, unfreundlich und abwesend wirkenden jungen Mann, der wie ein ungezogenes Kind ständig an dem Essen herummäkelte. »Jemandem, dessen Gaumen an Chilisauce und Hamburger, Pizza und Tacos gewöhnt war, mußte ein Curry-Huhn höchst exotisch erscheinen«, berichtete Beulah Roth. »Er haßte das Curry, die Gewürze, besonders das indische Huhn mit Kokos. ›Kokosnuß und Fleisch?‹ staunte er ungläubig.« Der Abend hätte vermutlich ein katastrophales Ende genommen, wenn nicht plötzlich Louis XIV. aufgetaucht wäre. Der Siamkater hatte das Ehepaar Roth auf seinen langen Reisen rund um den Globus begleitet und ist auf vielen Portraits zu sehen, die Sanford Roth aufgenommen hat. Die Katzenliebhaberinnen Anna Magnani und Colette, Albert Einstein, Jean Cocteau, Marc Chagall, Blaise Cendrars, Georges Braque, Igor Strawinsky, Giorgio de Chirico, Paul Newman und viele andere ließen sich mit Louis XIV. ablichten, später auch James Dean. Nach einer Sitzung mit Pablo Picasso verbreitete sich  die Nachricht, daß Louis XIV. der einzige Kater war, der jemals über Pablo Picassos Palette stolziert war und dem der Maler anschließend eigenhändig die Pfoten gesäubert habe. James Dean, über dessen Beziehung zu Katzen vor seinem ersten Besuch bei Sanford und Beulah Roth nichts bekannt ist, freundete sich sofort mit Louis XIV. an. Beulah Roth hat den Beginn dieser Freundschaft sehr ausführlich und genau beschrieben: »Louis XIV. rettete den Abend, indem er auf den Schoß des Jungen sprang. Jimmy hielt ihn sehr fest. Ich wunderte mich darüber, aber gottseidank rückte Louis nicht aus, sondern schurrte – die beiden wurden augenblicklich Freunde. Von dieser Zeit an war Jimmy ein ständiger Gast, mal geladen, mal nicht, doch stets willkommen. Ich kann nicht sagen, ob er wegen meines Mannes zu uns kam oder meinetwegen. Oder doch, ich kann. Er hatte uns gern, doch seine Liebe galt unserer Katze Louis, und wir gelangten zu dem Schluß, daß er Louis’ Gast war. Louis war ein großzügiger Gastgeber. Er ließ Jimmy auf seinem Thron sitzen. Der Thron war und ist ein venezianischer Stuhl aus dem 18. Jahrhundert, der unter der achtlosen Behandlung durch die Katze arg gelitten hatte. Dort, in unbequemer Stellung, einen gefährlich ächzenden Stuhl unter sich, schlief Jimmy mit Louis auf dem Schoß ein. Sie träumten gemeinsam.«

James Dean und Louis XIV. © by Sanford Roth

An seinem ersten Abend bei Sandfort und Beulah Roth ging James Dean erst um fünf Uhr in der Frühe. Und obwohl Beulah Roth in ihrer gerade zitierten Schilderung ihre eigene Beziehung zu Jimmy zugunsten der des Katers stark unter den Scheffel stellte, zählte auch das Ehepaar Roth schnell zu seinen engsten Freunden. Sie erzählten von ihren Reisen und Begegnungen mit europäischen Künstlern, diskutierten über Kunst und Schauspielerei und planten gemeinsame Reisen nach Europa – gleich nach Beendigung der Dreharbeiten zu Giganten wollten sie losfahren. James Dean spielte bei seinen zahlreichen Besuchen lange mit dem Kater, und in Sanford und Beulah Roth hatte er elterliche Freunde gefunden, trotz ihres wesentlich höheren Alters jugendliche, anregende Geister, die seinen Horizont erheblich erweiterten. Obwohl die Freunde viele Gemeinsamkeiten verband, blieb ein tiefer Graben zwischen ihnen bestehen. Beulah Roth hat ihn so beschrieben: »Allzu oft ist James Dean als Meteor bezeichnet worden, als sonderbare Mischung aus Kind, deutschem Doggenbaby und Poet. Er war all dies und war es wiederum nicht. Wenn er lachte, so lachte er halblaut in sich hinein, als wäre ihm jede Übertreibung peinlich. Von seinem Privatleben wußte ich fast nichts. Er war die verschlossenste Person, die ich je kennengelernt habe. Er besaß scheinbar wenig enge persönliche Kontakte.«

Der Druck der Dreharbeiten, die damit verbundenen Eifersüchteleien und Zerwürfnisse, sein kometenhafter Aufstieg zum Megastar und die laufenden Vertragsverhandlungen, die aus ihm einen der bestbezahlten Schauspieler dieser Zeit machen sollten, förderten James Deans innere Konflikte in einem Umfang zutage wie das sprudelnde Öl in dem Film Giganten. Edna Ferber, Autorin des millionenfach verkauften Bestsellers Giganten, diagnostizierte bei ihm eine »Erfolgsvergiftung«. Bis auf wenige Ausnahmen mied er den persönlichen Kontakt zu den anderen Schauspielern und dem Drehteam, das er durch sein oft unverständliches Verhalten verärgerte. Die fünfzehn Jahre ältere Schauspielerin Mercedes McCambridge, die in Giganten die Rolle der Luz Benedict verkörperte und eine lange Schlüsselszene mit ihm drehte, hatte folgenden Eindruck von James Dean: »Er kam mir vor wie eine Sommerblume im tiefsten Winter. Man konnte die Einsamkeit in ihm praktisch fühlen, und sie überrollte einen wie eine alles verschlingende Woge. Trotzdem war er wie wild darauf, gestreichelt zu werden.«

2. Teil: Wie James Dean zu seinem Kater Marcus kam

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Filmkatzen

2 Antworten zu “James Dean und sein Siamkater Marcus (1/3)

  1. Wow, was für eine coole Story … da glaubt man, schon viel über Katzen zu wissen, aber die Story ist echt klasse … freu mich auf mehr …

  2. Pingback: Cat_Calendar (5) vom 8. Februar 2013: James Dean | Kater Paul

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