Eisenbahnreisende Katzen

Im Gegensatz zum Flugzeug braucht man in der Eisenbahn für Katzen keine Beförderungsentgelte zu bezahlen. Trotzdem sieht man so gut wie nie Katzen in Zügen. Das liegt wohl daran, daß – im Gegensatz zu früheren Zeiten – heutzutage die Menschen mit ihren Katzen kaum noch unterwegs sind. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beobachtete Victor Auburtin in einem Bahnabteil, wie sich die »hochmütige Herablassung« in den Gesichtern der Bahnreisenden in einem Abteil schlagartig änderte, als eine Dame mit einer Katze zustieg. Die getigerte Katze, die noch nie mit der Bahn gereist war, »betrachtet alles mit ruhiger Aufmerksamkeit, und kein Ruf des Schreckens oder Erstaunens kommt über ihre Lippen. Was dagegen uns Fahrgäste anbetrifft, so sind wir mit dem Auftreten der Katze andere Menschen geworden. Laßt uns den Umgang mit Tieren pflegen, Freunde«, folgerte der Schriftsteller, »damit wir unsere unsterbliche Seele nicht verlieren.«

Louis XIV., der Siamkater von Beulah und Sanford Roth, auf seiner Europareise 1950 zu Gast bei Georges Braque. © by Sanford Roth

Beulah Roth schildert in ihrem Erinnerungsbuch The Cosmopolitan Cat die langen, gemeinsam mit ihrem Mann Sanford Roth unternommenen Reisen durch Europa, auf denen sie der Siamkater Louis XIV. in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts immer begleitet hat. Sie bevorzugte das Reisen mit der Bahn, vor allem, wenn man mit der Katze zusammen ein eigenes Abteil haben konnte. Aber vermutlich gab es keine Katze auf der Welt, die mehr Bahnkilometer gefahren ist als Ti-Puss, die Katze von Ella Maillart. Die Schriftstellerin hat den ganzen indischen Subkontinent mit ihrer Katze bereist und war dabei hauptsächlich mit der Bahn unterwegs. »Inzwischen war die Katze an Eisenbahnfahrten gewöhnt«, heißt es in ihrem Buch Ti-Puss. Mit einer Katze in Indien, nachdem viele anstrengende Bahnfahrten in hoffnungslos überfüllten Zügen hinter ihnen lagen. »Wenn sie das Menschengewimmel unerträglich fand, landete sie mit einem flugähnlichen Sprung im Gepäcknetz, wo sie sich schlafend stellte. Aber wenn wir bequem auf einem Eckplatz saßen, dann hatte Ti-Puss die Hinterbeine auf meinem Schoß, die Vorderbeine auf dem Fensterbrett und betrachtete mit gespitzten Ohren, gestrecktem Hals und wie ein Metronom taktschlagendem Schwanz die langen Meilen flachen Landes.« Ella Maillarts Reiseschilderungen lassen sich auch sechzig Jahre nach ihrer Niederschrift mit dem größten Vergnügen lesen.

Ti-Puss in Indien, © by Ella Maillart

T.S. Eliot hat in Old Possums Katzenbuch einer bei der Eisenbahn »angestellten« Katze ein Denkmal gesetzt. Skimbleshanks (deutsch: Flickenmatz) heißt der lyrische Kater, ohne den der nächtliche Nordexpreß nicht abfahren kann: »Da heißt’s: ›Flicky, wo ist Flicky, vielleicht noch auf Jagd nach Micky? | Wir finden ihn oder der Zug hat keinen Start‹.« Denn Flicky hat alle Vorgänge auf der Fahrt im Blick, vor allem wenn er »ohne Blinzeln hereinblickt zur Tür und sieht, was du denkst bei dir«. Zwischendurch trinkt er dann und wann einen Napf Tee, »dem vielleicht, weil’s hält wach, noch ein Schuß Rum half nach«. Aus England ist bekannt, daß die Bahngesellschaft im letzten Jahrhundert Katzen beschäftigt hat. Der rote Kater Bobby versah seinen Dienst auf dem Londoner Bahnhof King’s Cross, und von einem Kater namens Tiddles heißt es, er hätte mit großem Erfolg auf der Damentoilette der Station Paddington gearbeitet. Aber auch in der Schweiz hat es arbeitende Eisenbahnkatzen gegeben. 1998 war Gribouille im Depot der Lausanner Vororteisenbahn Tramway du sud-oust lausannois damit beschäftigt, gefräßige Nager von den Kabeln und den Kleidern der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fernzuhalten. Die Katze mit dem merkwürdigen Namen war übrigens die einzige Angestellte der Gesellschaft, alle Techniker und Schaffner wurden von Tochterunternehmen entlohnt.

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