Max Beckmann und seine Katzenbilder

Der deutsche Schriftsteller Wilhelm Genazino hat in der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. Februar 2007 eine schöne Betrachtung über Max Beckmanns Ölgemälde »Frankfurter Hauptbahnhof« aus dem Jahr 1942 angestellt. Darin merkt er an, daß »die vielleicht großartigste Fähigkeit aller Tiere darin besteht, das menschliche Leben mit reglosen Blicken zu verfolgen, ohne dieses je zu kommentieren«, und vermutet anschließend, daß »Beckmann die tolerante Sprachlosigkeit der Tiere geschätzt« habe. Und obwohl die Katze am Bildrand sitzt, kommt Genazino zu dieser überraschenden Erkenntnis: »Zentrum des Bildes ist die Katze, nicht der Bahnhof. Oder, kompositorisch gesprochen: Der Bahnhof ist wegen der Katze da, nicht umgekehrt. Der Bahnhof ist nur ein sinnbildhafter Darsteller dessen, womit sich die Menschen herumschlagen müssen: mit Werden und Vergehen, Scheitern und Glück, Auftritt und Tod. Zu all diesen Schrecklichkeiten öffnet die Katze nur die Augen; und schließt sie wieder, wenn sie genug gesehen hat.« Diese feinsinnige Spekulation gab Anlaß, das Verhältnis des Künstlers Max Beckmann zu Katzen etwas genauer in Augenschein zu nehmen.

»Frankfurter Hauptbahnhof«, 1942

Max Beckmann (*Leipzig 1884, † New York 1950) ist einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er begann am 29. Juli 1942 in seinem Amsterdamer Exil mit der Arbeit am »Frankfurter Hauptbahnhof«, die er am 5. September beendete. Das Bild zeigt in fahlen, blau- grünlichen Farben die gesamte Vorderfront des Bahnhofs, gesehen von einem Eckhaus der Kaiserstraße. Eine blasse Mondsichel steht über dem Bahnhof, dessen Uhr Viertel vor sechs anzeigt. In der unteren linken Bildecke sitzt die schwarze Katze. Sie ist im Profil gezeichnet, und ihr Körper scheint zur Bewegungslosigkeit erstarrt. Die Katze schaut am Bahnhof vorbei in eine unsichtbare Ferne.

In Beckmanns umfangreichen Œuvre finden sich mindestens 22 Gemälde mit Katzen (Graphiken, Zeichnungen und Skizzen bleiben hier weitgehend unbeachtet), das erste entstand 1915. In diesem Jahr fand Beckmann nach einem Nervenzusammenbruch an der Front bei seinen Freunden Ugi und Fridel Battenberg in Frankfurt am Main Aufnahme. Ugi Battenberg war ebenfalls Maler, die beiden kannten sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Weimar. Katzen gehörten zum festen Bestandteil des Battenbergschen Haushaltes.

»Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs)«, 1916

»Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs)« von 1916 zeigt das Ehepaar Battenberg, Max Beckmann und die schwarze Katze Titti. Auch Beckmanns nächstes Katzenbild, das »Stilleben mit Katzen« von 1917, stellt zwei Battenbergsche Katzen dar. Sie sitzen bzw. kauern auf einem Holztisch, zwischen sich eine Blumenvase und zwei Teller mit rohen Kohlrüben. Doch im Unterschied zu den Stilleben der Barockzeit sind Beckmanns Katzen nicht als gierige Räuber dargestellt. In sich versunken, sind sie Teil des bürgerlichen Alltags, selbstverständliche Mitbewohner der häuslichen Welt. Die Gelasseneheit der Katzen verwundert nicht, denn es gibt für sie hier nichts Schmackhaftes zu fressen – im Gegenteil: Die Kohlrüben deuten auf die kriegsbedingte Nahrungsnot hin. Im sogenannten Kohlrübenwinter 1916/17 stellte das Halten zweier Katzen einen ungeheuren Luxus dar. So manches Katzentier verschwand in diesen entbehrungsreichen Monaten als Dachhase in der Bratröhre.

»Stilleben mit Katzen«, 1917

»Die Synagoge in Frankfurt am Main«, 1919

1919 malte Beckmann sein berühmtes Bild »Die Synagoge«. Expressionistisch verschoben, wie aus den Fugen geraten ist die im Krieg zerstörte Synagoge am Frankfurter Börneplatz dargestellt, wo sich seit 1992 eine Gedenkstätte befindet. In der Mitte des in rötlichbraune Farben getauchten Bildes sieht man drei winzige Gestalten, das Ehepaar Battenberg und Max Beckmann. Am unteren Bildrand sitzt eine überdimensional große schwarzweiße Katze. Sie ist ähnlich der vom Frankfurter Hauptbahnhof im Profil gemalt und schaut versonnen in die Ferne.

Das Bildnis »Fastnacht« von 1920, Beckmann wohnte zu dieser Zeit nicht mehr mit den Freunden zusammen, zeigt Fridel Battenberg im Karnevalskostüm. Rechts neben ihr auf dem Fensterbrettt hockt eine Katze.

»Fastnacht«, 1920

Mit diesem Porträt endet Beckmanns Phase der Battenbergschen Katzenbilder. (Fridel erscheint allerdings noch einmal mit einer Katze auf dem Mittelbild des großartigen Triptychons Schauspieler von 1941.) Doch wie sich bald zeigt, hat das Leben mit Katzen im Haus der Battenbergs Max Beckmann offensichtlich tief beeindruckt und beeinflußt, denn das Bildthema Katze beschäftigt ihn bis kurz vor seinem Tod. 1921 entsteht sein erstes Selbstbildnis mit Katze, genannt »Selbstbildnis als Clown«. Eine kleine Katze hat sich auf diesem Bild zwischen Beckmanns Rücken und die Lehne eines Holzstuhles gedrängelt und schaut frech umher.

»Selbstbildnis als Clown«, 1921

Im gleichen Jahr entsteht ein zweites Selbstbildnis mit Katze, die Kaltnadelradierung »Selbstbildnis mit steifem Hut«. Die Katze im linken Bildrand ist wie viele anderen Beckmannschen Katzen im Profil dargestellt und scheint in die Ferne zu schauen.

»Selbstbildnis mit steifem Hut«, 1921

Bis zu seinem erzwungenen Gang ins Amsterdamer Exil 1937 entstehen sechs weitere Katzenbilder, am schönsten vielleicht das »Stilleben mit Weingläsern und Katze« von 1929, in dem eine schemenhaft schwarze Katze trotz ihrer Größe im Bildhintergrund fast verschwindet. 1939 taucht dann der Topos der reglosen Katze mit ihrem in die Ferne schweifenden Blick auf Beckmanns erstem Katzenbild im Exil erneut auf. Im linken, unteren Bildrand von »Nordseelandschaft mit Zelten« sitzt eine getigerte, im Profil dargestellte Katze und schaut durch riesige Verandafenster versonnen über das Meer. Sie scheint nachzudenken oder sich zu erinnern. Bis zu Beckmanns Übersiedlung nach New York 1947 entstehen im Amsterdamer Exil insgesamt neun Katzengemälde, so auch das Bild vom Frankfurter Hauptbahnhof. Der Journalist und Publizist Benno Carl Reifenberg (1892 – 1970) hat zu diesem Gemälde die folgende Erinnerung an Max Beckmann hinterlassen: »Um Mitternacht saß er zuweilen in dem südlichen Bahnhofsrestaurant, das durch eine riesenhafte bordeauxrote Portiere in zwei Teile aufgespalten war, recht ein Tempel des 19. Jahrhunderts. Der Maler saß da, wo eine große Palme stand, und trank Champagner. Rings um ihn die weiße Leere der Tücher von unbenutzten Tischen.« Der Frankfurter Hauptbahnhof war für Beckmann also ein besonderer Erinnerungsort, ein Hort einsamen, mitternächtlichen Trinkens an einem Knotenpunkt des internationalen Reiseverkehrs. In Amsterdam wird er oft an das pompöse Restaurant gedacht haben, so sehnsüchtig, daß ihm schließlich die Idee zu diesem Bild gekommen ist. Am 21. August 1942 findet sich in seinem Tagebuch ein Eintrag, der seine Stimmung so poetisch wie präzise wiedergibt: »Die Tage fliehen, es regnet ohne Zeiten und bin ich hier – so bin ich auch nicht dort – wo soll mein Lager ich mir wieder breiten, das falsche Leben zieht mich weiter fort. – Sind’s echte Träume, liebe Papageien in rot und blau am schwarzen Dachesrand – verschied’ne Wolken ziehen weiter, allein und öde liegt der Strand – «. Beckmann schreibt diese düsteren, sehnsüchtigen Gedanken auf, während er an seinem »Frankfurter Hauptbahnhof« arbeitet. Aber warum hat er nicht das Restaurant selbst gemalt, den Kern seiner Erinnerung, sondern eine Außenansicht des Bahnhofs? Möglich, daß er die Intimität seines Erlebnisraumes für sich selbst bewahren, nicht anderen zugänglich machen wollte oder konnte.

Noch am Tag der Fertigstellung vom »Frankfurter Hauptbahnhof« begann Beckmann mit dem Entwurf des Gemäldes »Der Abschied«, das er am 15. Dezember 1942 vollendete. Ein bildfüllendes Paar umarmt sich zum Abschied. Zu seinen Füßen kauert am unteren Bildrand eine schwarze Katze. Wieder ist sie im Profil gemalt, wieder schaut sie selbstvergessen in die Ferne. Und nach all den anderen Bildern erscheint sie fast wie eine Signatur. Fünf Jahre später treffen wir die Beckmann-Katze noch einmal in einem seiner Bilder, der »Landschaft mit drei Palmen« von 1947. Diesmal sitzt sie zur Abwechslung in der rechten unteren Bildecke, und natürlich ist sie im Profil gezeichnet, und natürlich verharrt sie regungslos, und natürlich scheint sie in die Ferne zu blicken. Beckmann ist acht Jahre nach seinem ersten Antrag auf ein Visum gerade in Amerika angekommen. Seine Katze hat er mitgenommen. Es ist sein letztes Katzengemälde.

»Landschaft mit drei Palmen«, 1947

Weitere ausführliche Artikel zu Malern und ihren Katzenbildern:

Picasso: https://katerpaul.wordpress.com/2011/10/08/pablo-picasso-und-seine-katzen/

Ernst Ludwig Kirchner:

https://katerpaul.wordpress.com/2010/06/04/ernst-ludwig-kirchner-und-seine-katzen/

Die Malerdynastie der Bassanos: https://katerpaul.wordpress.com/2011/06/26/die-katze-der-bassanos/

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter KunstKatzen

Eine Antwort zu “Max Beckmann und seine Katzenbilder

  1. Tobias Picard

    Keine der Katzen bei Beckmann ist expressionistisch verzerrt oder gar karikiert, vielmehr nahezu ägyptisch-schlank idealisiert

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