Muschel, der Kater von Victor Klemperer

Dies ist eine sehr traurige Geschichte aus einer entsetzlichen Zeit:

Victor Klemperer (* Landsberg 1881, † Dresden 1960) war ein deutscher Universitätsgelehrter und Publizist. Er wurde 1947 durch sein Buch LTI (lingua tertii imperii: Die Sprache des Dritten Rei- ches) bekannt. 1995 kamen im Aufbau-Verlag seine Tagebücher 1942 bis 1945 veröffentlicht. Darin berichtet er ausführlich vom Tod seines Katers Muschel, der der verachtenden Gesetzgebung der nationalsozialistischen Herrschaft zum Opfer fiel. Am 15. Mai 1942 veröffentlichte das wöchentlich erscheinende Jüdische Nachrichtenblatt eine Verordnung der Nationalsozialisten, worin »Juden und den mit ihnen zusammenwohnenden Personen mit sofortiger Wirkung das Halten von Haustieren verboten« wurde. »Über die Ablieferung oder Abholung der Haustiere wird den Tierhaltern durch die zuständige jüdische Kultusvereinigung Anweisung zugehen.« Klemperer las die Verordnung noch am gleichen Tag. »Tiere dürfen auch nicht in fremde Pflege gegeben werden«, notiert er »gegen Abend« in seinem Tagebuch. »Das ist das Todesurteil für Muschel, den wir über elf Jahre gehabt haben und an dem Eva sehr hängt. Er soll morgen zum Tierarzt geschafft werden, damit ihm die Angst des Abgeholtwerdens und gemeinsamer Tötung erspart bleibt.« Die Klemperers schwankten dann noch ein paar Tage. Als sie am 19. Mai hörten, daß der Ablieferungsbefehl unterwegs war, nach dessen Empfang sie nicht mehr das Recht hatten, über den Kater zu verfügen, brachten sie Muschel um vier Uhr nachmittags zum Tierarzt und ließen ihn einschläfern. »Das Tier hat nicht gelitten«, schrieb Victor Klemperer. »Aber Eva leidet.«

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