Katzen im Kino

Heute stelle ich Euch in einem längeren Artikel acht DVD’s aus meiner Filmothek vor, in denen wir die Hauptrolle oder wenigstens eine tragende Nebenrolle spielen – als Anregung für einen feliden Fernsehabend. Meistens dienen wir ja im Film nur als dramaturgisches Accessoire, um eine Stimmung zu verdeutlichen oder in spannenden Momenten einen Schreck zu erzeugen; wenn beispielsweise in einem dunklen Flur plötzlich eine fauchende Katze ihren kleinen Auftritt hat. In diesen Filmen ist es anders, ganz anders:

In Harry und Tonto, einen wunderbaren Realfilm, spielt der Kater Tonto wirklich die Hauptrolle. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist schnell wiedergegeben. Harry ist Rentner und muß mit seinem rotgestromten Kater Tonto seine New Yorker Wohnung räumen, weil das Mietshaus abgerissen wird. Sein Sohn Burt nimmt ihn in sein kleines Vororthäuschen auf, das er mit seiner Frau und zwei fast erwachsenen Kindern bewohnt. Aber Harry fühlt sich dort nicht wohl. Er besucht nacheinander erst seine Tochter Shirley in Chicago, fährt dann über Boulder in Colorado nach Las Vegas und landet schließlich in Los Angeles, wo er seinen zweiten Sohn Eddi trifft. Ein Road-Movie also, eine Reise quer durch Amerika von der Ost- zur Westküste, die Harry und Tonto gemeinsam unternehmen. Dabei dominiert die Erlebniswelt Katze und Mensch alle anderen Handlungsstränge, ohne jemals in Kitsch zu verfallen. Im Gegenteil: manchmal wird Harry richtig böse auf seinen Kater. Beispielsweise als die beiden im Bus nach Chicago fahren. Irgendwann ist Tontos Katzenkiste naß, und er weigert sich kreischend und fauchend, sein Geschäft auf der Menschentoilette des Busses zu erledigen. Harry muß den Fahrer überreden, in der Nähe einer Kleinstadt kurz anzuhalten, wo Tonto sofort hinter einen weitentfernten Busch rennt und sich weigert, zum Bus zurückzukehren. Also läßt sich Harry schimpfend sein Gepäck herausgeben und den Greyhound weiterfahren. Erst nach dessen Abfahrt kommt Tonto zurück – er mochte die Busfahrt nicht. Harry kauft sich gezwungernermaßen ein Auto, und Tonto nimmt schnurrend und zufrieden auf der Ablage über dem Handschuhfach Platz. Aber es sind vor allem die vielen kleinen Szenen, die das Zusammenleben zwischen Katze und Mensch so unspektakulär veranschaulichen: wie Tonto in seiner Kiste scharrt, Harry ihm nach einem Einkaufsbummel die Leine abnimmt, mit ihm spricht, ihm immer wieder Lieder vorsingt und anschließend fragt, wer der Sänger war, um ihn dann, wenn der Kater miaut, zu loben: »Richtig, Bing Crosby.« Typisch ist auch die Szene, in der sich Tonto un- gerührt und ungehindert auf einem Motelbett Hähnchenteile aus einer Kentucky-Fried-Chicken-Packung angelt und nach seiner Mahlzeit ein Schlachtfeld hinterläßt. Die beiden begegnen auf ihrem Trip durch die Staaten allerhand kuriosen Gestalten. Harry, ein ehemaliger Lehrer, blüht während dieser Reise sichtbar auf, kommt sogar in den Genuß eines erotischen Vergnügens mit einer Edelprostituierten. Tonto ist die konstante Bezugsperson in dem Personenkarussell, das sich auf der Reise dreht, und als der Kater zum Schluß des Films stirbt, bleibt Harry allein, aber mit der Hoffnung zurück, daß das Alter nicht in auswegloser Einsamkeit enden muß. Paul Mazursky ist durch seine Mutter auf die Idee zu dem Film gekommen, genauer durch deren roten Kater, den sie gern an einer Leine durchs New Yorker Greenwich Village führte. Der Regisseur hat nach eigenen Angaben lange Zeit seines Lebens mit Katzen zusammengelebt. Er sollte sogar Tonto nach Beendigung der Dreharbeiten als Geschenk erhalten, konnte aber den Kater nicht aufnehmen, weil seine Frau nach der Geburt ihres Kindes eine Katzenallergie entwickelt hatte. Über die Dreharbeiten zu Harry & Tonto hat sich Mazursky ausführlich geäußert. So erzählte er, daß Art Carney, der die Rolle des Harry verkörperte und dafür 1974 mit dem Oscar für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde, Katzen eigentlich haßte. »Genau deshalb spielte Art seine Rolle ohne jegliche Sentimentalität. Und die Katze mochte ihn, mehr und mehr.« Fragt sich nur, welche Katze, denn man weiß ja, daß man einen Spielfilm mit einer Katzenhauptrolle unmöglich mit nur einer Katze drehen kann. Um so erstaunlicher ist Mazurskys Auskunft, daß er mit lediglich zwei Katzen ausgekommen ist, und eine der beiden war Tonto, die »Hauptkatze«. »Eigentlich hätte Tonto den Oscar gewinnen müssen«, meinte der Regisseur, ohne damit die schauspielerisch beeindruckende Leistung von Art Carney herabwürdigen zu wollen. Mit zwei Tricks hat die für den Film engagierte Tiertrainerin geholfen, Tonto (fast) immer in die richtige Position zu bringen. Zum einen hat sie seine Schwäche für Leber ausgenutzt. In einer Szene sollte Harry auf einem Stuhl sitzend den Kater ganz beiläufig am Kopf kraulen. Also hat man diesen Stuhl mit kleinen Leberstückchen präpariert und Tonto so angelockt. Dann war der Kater verrückt nach einem kleinen, roten Spielzeug, dem er sofort hinterhersprang. Diese Trumpfkarte wurde beispielsweise in einem Motel auf dem Bett ausgespielt. Zum Schluß des Films, als Tonto stirbt, mußte man sich allerdings medizinischer Hilfe bedienen. Der Kater bekam eine Betäubungs- spritze. Das äußerst agile Tier wäre sonst wohl kaum so ruhig liegengeblieben. Diese unspektakulär leisen Aufnahmen sind in der Sparsamkeit ihrer Worte und Bilder sehr anrührend. Mazursky hat berichtet, dass vor allem das japanische Publikum überraschend emotional reagiert hat: »Als wir den Film in Tokio zeigten, weinten die Menschen in dieser Szene so laut, daß man nichts anderes mehr hören konnte. Japaner lieben Katzen, und sie liebten diesen Film.«

Eine  Hauptrolle spielt die Katze auch in Frühstück bei Tiffany (1960) von Blake Edwards, nach dem gleichnamigen Kurzroman von Truman Capote, einer der wenigen Filme, in dem der Charakter des tierischen Hauptdarstellers nicht als Symbol oder szenischer Gag instrumentalisiert wird. Das liegt in diesem Fall allerdings auch nahe, denn der namenlose, rotgestromte Kater der Protagonistin Holly Golightly (Audrey Hepburn) soll wie Holly selbst das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit verkörpern und somit eigentlich nur sich selbst spielen. Der Kater tritt ständig in Erscheinung. Er liebt es, Menschen un- vermittelt auf die Schulter zu springen, verfolgt die dramatische Comédie humaine gern vom höchsten Brett eines bücherleeren Regals aus und faucht, als der ihm eigentlich wohlbekannte Freund Hollys mit einer Gesichtsmaske durch das Fenster einsteigt. Gleich am Anfang des Films gibt es eine Schlüsselszene, in der Holly in Gegenwart ihres neuen Nachbarn – ein erfolglo ser Schriftsteller, der von ihr Fred genannt wird – laut über ihr Zusammenleben mit dem Kater nachdenkt: »Armer alter Kater. Armes Vieh, hast keinen Namen. Ich finde, daß ich kein Recht habe, ihm einen Namen zu geben. Wir gehören eigentlich gar nicht zusammen. Er ist mir mal über den Weg gelaufen. Und ich will auch gar keinen Besitz haben, bevor ich nicht richtig weiß, wo ich hingehöre.« In der literarischen Vorlage heißt es noch ergänzend: »Er ist unabhängig, und ich bin’s auch.« Zum Schluß des Films kommt es zu einer dramatischen Szene. Holly und Fred gestehen sich im strömenden Regen ihre Liebe ein, nachdem sie den pitschnassen, vorher verstoßenen Kater wiedergefunden haben, und zerdrücken ihn fast zwischen sich. (Wie hat der Kater das nur ausgehalten?)

Eine sehr ambivalente Rolle, die den Film aber bemerkenswert macht, spielt die Katze des Ehepaars Carey in dem Science-fiction-Film Die unglaubliche Geschichte des Mr. C. von Jack Arnold aus dem Jahr 1957. Während einer Bootsfahrt auf dem Meer kommt Scott Carey mit radioaktivem Nebel in Berührung, während sich seine Frau unter Deck aufhält. Kurz darauf beginnt er zu schrumpfen. Die Katze der Careys ist ein verschmustes und verspieltes Tier, das anfangs mehrfach in niedlichen Posen gezeigt wird. Als Scott nur noch einen Meter mißt, ändert sich das Verhältnis zwischen ihm und seiner Katze – sie be- achtet ihn kaum noch. Doch Scott schrumpft immer weiter, bis er schließlich in ein Puppenhaus einzieht, das im Wohnzimmer aufgebaut ist. Als er nur noch zehn Zentimeter groß ist, schlüpft die inzwischen draußen gehaltene Katze unbemerkt ins Haus und stöbert ihren miniaturisierten Mitbewohner, in dem sie nur noch eine willkommene Beute sieht, in seinem Puppenhaus auf. Es beginnt ein dramatischer Kampf um Leben und Tod, den Jack Arnold in fünf ungemein spannenden Filmminuten inszeniert. Kurz vor dem todbringenden Sprung der Katze gelingt es Scott, die Elektroschnur einer Tischlampe zu ergreifen und die Lampe von der Tischkante zu zerren. Der Aufprall verscheucht die Katze für einen Moment, aber schnell nimmt sie die Verfolgung wieder auf. Zwar kann sich Scott in den Keller retten (er fällt tief in einen Wäschekorb am Fuß der Kellertreppe), doch als seine Frau nach Hause kommt und das von der Wand abgerückte Puppenhaus, die am Boden liegende Tischlampe sowie ein kleines, blutgetränktes Teil seiner Kleidung und die Katze sieht, kann sie nur einen Schluß ziehen. In der nächsten Szene wird in den Fernsehnachrichten sein Tod gemeldet. Darin heißt es: »Careys Tod erfolgte auf ungewöhnliche Weise und ebenso völlig unerwartet. Er kam durch den Angriff einer Katze um.« Scott wird seine Frau nicht wiedersehen. Im Keller muß er noch den Kampf gegen eine Spinne überstehen, bevor er durch einen engen Maschendraht ins Freie und in eine ungewisse Zukunft gelangt.

In Kriminalfilmen spielen Katzen öfter eine Rolle, als man soi denkt. Besonders hervorzuheben ist hier Der Tod kennt keine Wiederkehr (The Long Goodbye) von Robert Altman aus dem Jahr 1973. Die Verfilmung des Romans Der lange Abschied von Raymond Chandler mit Elliott Gould als Philip Marlowe beginnt mitten in der Nacht. Marlowe liegt angezogen und schnarchend auf dem Bett. Sein rotgestromter Kater maunzt laut, und als das nichts nutzt, springt er von einer Kommode auf dessen Brust und reißt damit den Privatdetektiv aus seinem Schlaf: »Mein Gott, du hast Hunger.« Während der Kater lebhaft in der Küche über Anrichten und Schränke tobt, bereitet ihm Marlowe, da kein Katzenfutter mehr im Haus ist, eine aus Resten improvisierte Mahlzeit zu, die der Kater nach skeptischem Beschnuppern vorwurfsvoll vom Tisch auf den Boden befördert. Resigniert zieht sich Marlowe das Jackett an. »Um drei Uhr morgens gehe ich los und besorg diesem Mistvieh noch ’n spezielles Futter. Ich muß ja bescheuert sein.« Im Supermarkt ist natürlich das einzige Katzenfutter, das der Kater mag, ausverkauft. »Ja, das ist nicht da im Augenblick«, erläutert ein farbiger Verkäufer. »Nehmen Sie doch dieses hier. Ist doch sowieso alles dieselbe Scheiße.« Marlowe schaut den Verkäufer konsterniert an. »Ah, was Sie nicht sagen. Sie haben wohl keine Katze?« Der Verkäufer zieht genervt die Schultern hoch. »Was soll ich mit einer Katze? Ich habe eine Mieze.« »So, haha. Er hat ’ne Mieze und ich ’ne Katze.« In seiner Wohnung angekommen, sperrt Marlowe den Kater erst einmal aus der Küche aus. Dann öffnet er eine Dose und füllt den Inhalt in eine leere Büchse, die des Katers Lieblingsfutter enthalten hat. Danach verstaut er seinen Betrug wieder in der Papiertüte. Aber der Kater fällt auf die anschließende Vorstellung nicht herein. Unter Protestmiauen springt er vom Tisch und verschwindet durch eine Katzentür aus Pappe mit der handgeschriebenen Aufschrift »El Porto del Gato«. Marlowe folgt dem Kater auf die Veranda, um ihn zu rufen. In diesem Moment bekommt er überraschenden Besuch von seinem alten Freund Terry Lennox, der Marlowe bittet, ihn an die mexikanische Grenze zu chauffieren. Als Marlowe morgens wieder in Los Angeles eintrifft und die Suche nach seiner Katze fortsetzt, möchten zwei Polizisten mit ihm reden. Er erklärt, daß er jetzt keine Zeit habe, er suche seine Katze. »Vergessen Sie die verdammte Katze, Marlowe, und kommen Sie«, antwortet ein Detektiv. »Ich soll die verdammte Katze vergessen, sagt er«, murmelt Marlowe mißlaunig vor sich hin. »Diese Katze bedeutet mir verdammt viel, und jetzt soll ich sie vergessen. Muß ja was verdammt Wichtiges sein.« Die Katze bleibt für immer verschwunden. Zum Schluß des Films spürt er Terry Lennox, der sich als Mörder entpuppt hat, in Mexiko auf. Sein alter Freund hatte Marlowe entsetzlich hinters Licht geführt und durch seinen Besuch daran gehindert, seine Katze zu finden. »Du bist eben der geborene Verlierer«, stellt Lennox zynisch fest, als Marlowe erkennt, daß er von seinem Freund eiskalt benutzt worden ist. »Ja, ich hab sogar meine Katze verloren«, antwortet Marlowe und erschießt den Mörder, den keine staatliche Gerechtigkeit mehr zur Strecke bringen würde. Es sind die letzten Worte, die in diesem Film gesprochen werden.

In dem Action-Thriller Assassins (Die Killer) von 1995, dessen eruptive Brutalität und schauspielerische Darstellung irgendwo zwischen Menschenverachtung und Parodie changieren, spielt neben Sylvester Stallone, Antonio Banderas und Julianne Moore eine weiße Katze mit graugetigerten Flecken die vierte Hauptrolle. Der Film erzählt die Geschichte des überdrüssigen Profikillers Robert (Stallone), der noch einen letzten Job erledigen und sich dann für immer zurückziehen möchte. Er soll die Computer-Hackerin Elektra töten und ihr eine Diskette mit brisantem Material abnehmen. Von Elektra ist nichts weiter als ihr Internet-Logo bekannt – zwei riesige, grüne Katzenaugen. Elektras Katze heißt Pearl und ist eine Maine Coone. Die ebenfalls grünäugige Elektra mietet in einem Hotel zwei Zimmer unter dem Namen Cats. Dort wartet sie mit Pearl auf vier Männer, denen sie die Diskette für 40000 us-$ verkaufen möchte. Unterdessen bestellt sie viel Kaffee und Thunfisch in Dosen. Mit Ben tritt noch ein zweiter Profikiller auf (Banderas), der krankhaft von der Idee besessen ist, Robert zu töten und damit zur Nummer eins seines Berufsstandes aufzusteigen. In dem Hotel kommt es zu einer mörderischen Schießerei, und Elektra kann mit Robert und Pearl fliehen. Sie mißtraut Robert (zunächst aus gutem Grund) und kann ihm entkommen. Dabei muß sie ihre Katze bei Robert zurücklassen. Der findet in Elektras Auto eine Werbetüte ihres Tierfutterhändlers und sucht diesen mit Pearl auf. Dort nennt man ihm bereitwillig die Adresse der Besitzerin des Tieres. Auch Ben findet das Haus, in dem Elektra wohnt. Im Hotel hatte sie einige Fotos verloren, die Pearl vor ihrem Wohnhaus zeigen. In ihrer Wohnung kommt es zur nächsten Schießerei, und wieder können Elektra, Pearl und Robert zusammen fliehen. In ihrem Unterschlupf freundet sich Robert mit der Katze an, und auch er und Elektra kommen sich näher. Sie werden Geschäftspartner. Robert erkennt den wahren Wert der Diskette und erhöht ihren Preis auf 20 Millionen us-$. Elektra staunt nicht schlecht, wollte sie doch von ihrem Erlös vor allem der Katze einen Kater kaufen. Der turbulente Showdown des Films findet in der Karibik statt. Natürlich besiegt Robert den bis zum fanatischen Wahnsinn getriebenen Ben, und natürlich überleben Robert, Elektra und Pearl, und natürlich haben sie zum Schluß auch das Geld. Der Film endet mit dem Satz: »Und jetzt kaufen wir für Pearl einen Kater.« Er ist beileibe kein cineastisch erwähnenswertes Werk, doch die Katze ist mehr als schmückendes Beiwerk, ihr wird felide Eigenwilligkeit zugestanden. Beispielsweise wenn Elektra, vom Killer gehetzt und in Todesgefahr, die Katze erst mühsam unter dem Hotelbett hervorlocken muß, bevor sie endlich ihr Leben retten kann.

Nach Dr. No sind zwischen 1963 und 1971 insgesamt sechs James-Bond- Filme erschienen. (Womit wir beim Spionagefilm angekommen sind.) Darin ist mit Ausnahme von Goldfinger der Superverbrecher Ernst Stavro Blofeld Bonds Gegenspieler. Doch in den ersten beiden Blofeld-Episoden (Liebesgrüße aus Moskau und Feuerball) bleibt das Gesicht des Chefs einer weltumspannenden Verbrecherorganisation verborgen. Er besitzt dennoch ein spezifisches Erkennungzeichen. Es ist eine auf seinem Schoß sitzende schneeweiße Angorakatze, die von dem Gangster beiläufig gestreichelt wird, während er seine heimtücki- schen Anweisungen erteilt. In Diamantenfieber, dem letzten Film mit Blofeld, hat diese Katze einen dramaturgisch bemerkenswerten Auftritt. Bond (Sean Connery) verschafft sich mit einer artistischen Kletterei Zutritt in die oberste Etage eines riesigen Hotelkomplexes. Dazu benutzt er eine Pistole, mit der er Halteklammern in die Fassade schießt. Im Innern des Gebäudes wird 007 entdeckt und muß seinen »richtigen« Revolver abgeben. Dann wird er in einen riesigen, futuristischen Raum geleitet, in dem er auf Blofeld und einen perfekten Doppelgänger stößt – und auf die aus den früheren Filmen schon bekannte Katze, die lässig in einem Ledersessel döst. Blofeld 1 und Blofeld 2 wissen natürlich nicht, daß Bond noch im Besitz der Pistole ist, mit der er sich seine Haken in die Fassade geschossen hat. Wir Zuschauer wissen allerdings, daß sich in dieser Pistole nur noch ein einziger Schuß befindet. Bond überlegt nun fieberhaft, wervon den beiden wohl der richtige Blofeld ist, und als er die Katze sieht, kommt ihm eine Idee. Er geht langsam auf sie zu und versetzt ihr plötzlich einen kräftigen Fußtritt. Seine Spekulation scheint aufzugehen. Die Katze springt erschrocken mit einem Riesensatz auf den Schoß ihres Herrn. Bond reißt blitzschnell seine Waffe hervor und tötet Blofeld. Doch in diesem Moment taucht hinter einer Wand eine zweite weiße Angorakatze auf. Sie trägt ein diamantenes Halsband und vertreibt fauchend das andere Tier. Man sieht deutlich, wer hier das Sagen hat. Mit provozierender Langsamkeit stolziert die Katze auf Blofeld zu und springt auf seinen Schreibtisch. Der richtige Blofeld lächelt Bond an. »Die Idee war an sich richtig.« Bond antwortet resigniert: »Aber es war die falsche Mieze.«

Nun eine abrupter Genre-Wechsel. Die grosse Stille von Philip Gröning aus dem Jahr 2005 zeigt in unspektakulären aber sehr eindringlichen Bildern das Leben der Mönche im Mutterhaus des Karthäuser-Ordens. Dieser fast dreistündige Film ist selbst eine große Stille, denn die Karthäuser sind ein Schweigeorden und der Regisseur mußte sich vor Drehbeginn verpflichten, keinerlei Musik außer die Gesänge der Mönche zu verwenden. Umso interessanter ist eine kleine, dreiminütige Szene, in der ein Mönch in den Dachstuhl des riesigen Klosters steigt, um die Klosterkatzen zu füttern. Sie kommen alle zu ihm und während er sie füttert sprciht er leise mit ihnen – was eigenlich verboten ist. Dieser Film ist eine Meditation …

Zum Schluß soll noch ein Ausflug in die Welt des Zeichentrickfilms unternommen werden. 1919 schufen der Produzent Pat Sullivan (1887 – 1933) und der Trickfilmer Otto Messmer (1892–1983) den Kurzfilm Feline Follies (Katzenverrücktheiten) mit dem Kater Master Tom als tragender Gestalt. Die Filmgesellschaft Paramount bestellte nach der erfolgreichen Vermarktung des Films weitere Folgen und taufte die Hauptfigur um. Unter dem Namen Felix the Cat entstanden zahlreiche kleine Filmkunstwerke, die zu den Höhepunkten surrealistischen Filmschaffens gehören und heute noch begeistern. Zu den prägenden Kennzeichen des Katers gehören sein Schwanz, der sich nach Felix’ Wünschen unmittelbar in ein Werkzeug verwandeln oder eine Stimmung ausdrücken kann, sowie sein leicht vorgebeugter, nachdenklicher Gang, die Hände auf dem Rücken ver- schränkt und den Kopf leicht gesenkt. Die später gedruckten Comic strips konnten an das filmische Vorbild nie richtig heranreichen. In den 1950er Jahren wurde Felix the Cat als Fernsehserie produziert, doch die künstlerische Qualität der in den 20er bis 40er Jahren geschaffenen Trickfilme blieb unerreicht. In der Frühzeit des Fernsehens spielte Felix für den Sender rca eine besondere Rolle: Von 1928 an wurde eine figürliche Nachbildung der Filmkatze mehr als zehn Jahre lang täglich zwei Stunden als Testbild ausgestrahlt, mit dem damals dieSendeanstalten die Feinabstimmung ihrer Bildauflösung vornahmen. Felix the Cat wurde damit zum ersten Star in der Geschichte des Fernsehens.

Zu diesem Artikel paßt hier auf meinem Blog auch diese Seite über den Western True Gritt: https://katerpaul.wordpress.com/2011/02/13/der-kater-general-sterling-price-in-%C2%BBtrue-grit%C2%AB/

Und wer noch viel mehr über Katzen im Film erfahren möchte, der sei auf dieses Buch meines Menschen verwiesen, das gerade im Insel-Verlag als Taschenbuch erschienen ist, und in dem man einen 14-seitigen Beitrag dazu findet: http://www.suhrkamp.de/buecher/das_grosse_katzenlexikon-detlef_bluhm_35353.html

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Filmkatzen

5 Antworten zu “Katzen im Kino

  1. Katzen – ach ich liebe Katzen. Wir haben 2 und beim Lesen der Berichte entdeckt man vieles aus dem Zusammenleben mit den Katzen….

  2. theobald tiger

    ähh vielleicht hab ich s überlesen – aber DER Klassiker „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (Originaltitel: Cat on a Hot Tin Roof) fehlt wohl?

  3. Hallo, ich habe gerade am Fernsehen einen franzoesichen Film gesehen ( ‚Le hussard sur le toit‘ von J.P.Reppenau -1995) wo eine Katze spielt eine kleine aber wichtige Rolle. Das Thema ist gut entwickelt, man versteht, dass der Regisseur die Katzen liebt. Frl. Gruesse. Pier Luigi

  4. Ines Ramm

    Hallo, im Fernsehen läuft gerade „Frühstück bei Tiffany“. Deshalb kam ich auf die Idee mal zu googeln, in welchen Filmen Katzen eine Rolle spielen.
    Eine kleine Nebenrolle für einen Stubentiger gibt es auch im „Couchgeflüster“.

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