Katzenspuren in »Zettels Traum« von Arno Schmidt (Teil 3 und Schluß)

Heute ist ein kleiner, neidischer Umweg nötig, um auf Zettels Traum zu kommen. Lange vor meiner Zeit hat mein Mensch mit einem Kater zusammengelebt, der mütterlicherseits einer griechischen Straßenkatze, väterlicherseits einem schwarzen Siamkater entstammte, einer Liaison also, die ihm das Zertifikat zuchtuntauglich eingebracht hat. Mein Mensch nannte ihn Shano und er erzählt oft von ihm. Vor allem eine Geschichte, die Shanos (selbst für unsere Spezies) außergewöhnliche Intelligenz belegt. Aber jetzt erst einmal ein Zitat aus Zettels Traum:

»Der konnte, früher, –(was Ich noch=nie, weder vor=noch=nachher, bei einer Katze je=geseh’n habe, : sich die Türen auf=machen –(:?)–: indem er hochsprang :!; sich mit den VorderPfötchen über die Klincke hänkte; und so=dort, 3 bis 4 Mal, (wie a’’m Reck;ja) wippte.«

Als ich dies in dem großen Buch las, fiel mir die Erinnerung meines Menschen wieder ein. Er hat sie in etwa so berichtet: »In der Wohnung, in der Shano geboren wurde, einer Schöneberger 7-Zimmer-Etage, befand sich im Berliner Zimmer eine unverriegelte, aber stets geschlossene Tür, die die Grenze zwischen meinem Wohnbereich und dem meiner Untermieter bildete. Eines Tages kamen die weiblichen Untermieter, um sich zu beschweren. Bei ihrer Heimkehr hätten sie die besagte Tür geöffnet vorgefunden, aber nicht nur diese. Auch die Tür ihres Eisschrankes hätte offengestanden und vor allem seien diverse hochwertige Lebensmittel abhanden gekommen. Meine Verwunderung über die vorabendliche Appetitlosigkeit meiner kleinen Katzengemeinschaft hatte damit eine plausible Erklärung gefunden. Also versprachen ich, diese Tür ab sofort durch den vorhandenen Riegel zusätzlich zu sichern. Groß war das Erstaunen, als die Untermieter wenige Tage später erneut einen verlustreichen Angriff auf ihren Kühlschrank meldeten, für den es keine nachvollziehbare Erklärung zu geben schien. Bis ich einige Tage darauf zufällig beobachtete, wie Shano zur Klinke dieser Tür sprang, sich mit den Vorderpfoten an ihr festhielt und dann mit den Hinterpfoten den Riegel aus seiner waagerechten Position drückte, um schließlich mit einem Ruck der Vorderpfoten die Klinke zu drücken. Dann stemmte er sein linkes Hinterbein gegen den Türrahmen, um so die Tür zu öffnen, die nach dieser eindrucksvollen Demonstration felider Intelligenz mit Hilfe zweier Haken und eines kräftigen Gummibandes endgültig gesichert wurde.«

»Katzen wendn zwar dieselbm Vocale an wie Hunde; aber ihre Sprache ist beträchtlich Consonantn=reicher, weil sie noch ›M,N,B,R,F‹ enthält.« Zu diesem Thema hat sich vor Arno Schmidt bereits E.T.A. Hoffmann in seinen Lebensansichten des Katers Murr grundsätzlich geäußert: » … dann die wunderbare Gabe, durch das einzige Wörtlein ›Miau‹ Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften, in ihren mannigfaltigsten Abstufungen auszudrücken. Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses einfachste aller Mittel, sich verständlich zu machen!«

Eine einzige Katzn=Textpassage in Zettels Traum führt uns in das Reich der Phantastik: »(Und an d altn FachwerScheune vorbei –(:’da saß auf dem Boden 1 Schwarze Katze; d hatte eine MaulTrommel id li Pfote, & spielte da=rauf…’)« Dazu fiel mir sofort Michail Bulgakow (1891-1940) ein, der durch seinen 1938 geschriebenen, aber erst 1965 veröffentlichten Roman Der Meister und Margarita Weltruhm erlangt hat. In diesem phantastisch-grotesken Roman erscheint der Teufel in Moskau. Er wird von einem riesigen Kater begleitet, einem unheimlichen und eigenwilligen Wesen, das selbst sein Herr kaum im Zaum halten kann: Behemoth taucht plötzlich in einem Spiegel auf, ohne davorzustehen, beherrscht schwierige Kartentricks, reißt schon mal jemandem den Kopf ab (um ihn anschließend wieder aufzusetzen), spielt Schach (und betrügt dabei), weigert sich Stiefel anzuziehen (»Einen gestiefelten Kater gibt’s nur im Märchen«), badet in Kognak, trinkt Wodka und Kaffee, ißt Würstchen und Kaviar, »schießt ganz leidlich« mit Pistolen und geht geschickt mit dem Degen um, nimmt eine andere Gestalt an, gehorcht manchmal seinem Herrn, diktiert Briefe und heilt sich nach einer Schußverletzung selbst (mit einem »Schluck Benzin«). Er kann ungemein höflich werden, wenn man ihn siezt (»Es tut wohl, daß Sie einen Kater so höflich behandeln. Kater werden aus irgendwelchen Gründen gewöhnlich mit du angeredet, obwohl noch niemals ein Kater mit irgendwem Brüderschaft getrunken hat«), und hat ganz offensichtlich eine hohe Meinung von der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts – jedenfalls pariert er den Hinweis einer Frau, Dostojewski sei tot, mit den Worten: »Ich protestiere! Dostojewski ist unsterblich!«

Zuletzt noch ein Zitat aus Zettels Traum, das nichts mit Katzen zu tun hat, aber einen Gedanken ausdrückt, der viele katzen- und tierliebende Autorinnen und Autoren umgetrieben hat, von Arthur Schopenhauer bis Patricia Highsmith, von Sir Winston Churchill bis Ernst Jünger: »Dännoch : gehör’n ›Tierliebe‹ und ›Menschenfeindlichkeit‹ nich zusamm ? Wie ein anastatisches Nadelpaar ?«

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter KunstKatzen

Eine Antwort zu “Katzenspuren in »Zettels Traum« von Arno Schmidt (Teil 3 und Schluß)

  1. Trixi Geng

    Solche türenöffnende Kater sind gar nicht so selten. Der (leider verstorbene) Kater Freddy meiner Tochter konnte alle Türen öffnen, so dass in der Wohnung die Türschnallen versetzt wurden, so dass sie mit dem Griff nach oben schauten. Freddy hatte aber schnell raus, wie das neue Patent funktionierte, so dass dann die Wohnungseingangstüre mit einem runden Knauf versehen wurde! Der war zum Glück Freddy-sicher!
    Viele Grüße Trixi und Kater Tommy (der sowas nicht kann!)

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