Katzenspuren in »Zettels Traum« von Arno Schmidt (Teil 2)

Arno Schmidt spricht in Zettels Traum auch den Grundkonflikt zwischen Mensch und Katze an, der sich aus den scharfen und spitzen Krallen der Katze und der vergleichsweise empfindlichen Haut des Menschen geradezu zwangsläufig ergibt:

»(während Fr, geduldich, das Katznköpfch’n, das vorsichtich um die Ecke lookte : ?, mit der Fingerspitze zwischn den Ohren neckte : ›Laß die Kazze infriedn : willsDe gekrällt sein ?‹«

Zu dieser vorsichtigen Mahnung paßt wunderbar ein deutsches Sprichwort, dessen Bewahrung wir dem Pädagogen und Sprichwortforscher Karl Friedrich Wilhelm Wander (1803-1879) verdanken, der es in seinem fünfbändigen Deutschen Sprichwörter-Lexikon (1867-1880) überliefert hat: »Wer mit Katzen spielt, muß sich gefallen lassen, wenn er gekrazt [gebissen] wird.« (Dort heißt es übrigens ebenfalls: »Auch die kleinste Katze kratzt.« Leonardo da Vinci hatte einmal formuliert: »Auch die kleinste Katze ist ein Meisterwerk der Natur.« – Aber das ist ein andere Thema.) Weder der Warnhinweis von Arno Schmidt noch das Wander’sche Sprichwort sind eigentlich erläuterungsbedürftig – die ihnen zugrunde liegende Erfahrung gehört seit Jahrtausenden zum archetypischen Grundgepäck des Menschen. Doch die von unserem gelehrten Pädagogen Wander zu diesem Sprichwort gegebene Erläuterung ist so skurril, daß ich sie hier nicht vorenthalten möchte. Danach hatte eine Karoline Newton, eine wohlbeleibte Frau in mittleren Jahren, einem gewissen Thomas Saverland ein Stück seiner Nase abgebissen, nachdem dieser sie im Scherz habe küssen wollen. Der Geschädigte reichte daraufhin eine Klage vor Gericht ein, die jedoch abgewiesen wurde. »Die Verklagte wurde freigesprochen, wobei der Obmann der Geschworenen dem verstümmelten Kläger erklärte, der Verlust seiner Nase sei allerdings zu bedauern; wer aber mit Katzen spiele, müsse sich auch gefallen lassen, wenn er gekratzt oder gebissen werde.«

In einem wirlich kleinen Nebensatz intoniert Arno Schmidt mit dem Hinweis auf die Geräuschlosigkeit unseres Ganges ein großes Thema: »(und Wimmern, (leis’ wie Schall von KazznTrittn).« Der polnische Schriftsteller Kornel Filipowicz (1913-1990) hat sich in seiner Erzählung Der Kater im nassen Gras mit unserer lautlosen Gangart beschäftigt und das Anschleichen eines Katers an eine Maus so beschrieben: »Der Kater machte sich um die Hälfte kleiner, er kroch fast auf dem Bauch durch das nasse, kalte Gras … In dieser Haltung war er absolut unsichtbar … Er war auch unhörbar, denn er bewegte sich so vorsichtig, daß er sich selbst nicht hörte. Der Kater war hungrig, und einem anderen an seiner Stelle hätte die Ungeduld vielleicht längst eingegeben, einen Fehler zu begehen, eine Unvorsichtigkeit – eine ungeduldige Bewegung, einen verfrühten Sprung. Doch nicht dieser Kater. Je mehr er sich näherte, desto vorsichtiger, desto konzentrierter verfuhr er, seine Bewegungen wurden so langsam, daß sie aufhörten, Bewegungen zu sein.«

Mittelalterlicher Kunstschnitzler, Französische Schule, Katze und Maus, 3. Jahrhundert, Schnitzwerk am Chorgestühl der Kathedrale von Poitiers. Die Katze hinert durch ihre Nackenbiß eine Maus daran, die Wurzel des Paradiesbaums anzunagen.

Eine andere Parenthese nutzt Arno Schmidt, um auf eine paradoxe Situation im Mittelalter anzuspielen: »(& kaute dazu, auf beidn Bakkn, wie ne KlosterKatze).« Während Katzen in dieser Zeit einerseits unter kirchlich geschürtem Aberglauben und inquisitorischer Verfolgung zu leiden hatten, fanden sie andererseits in christlichen Klöstern ein gutes Auskommen. Sie lebten dort als Vertilger der Nager ausgesprochen gut. Die mittelalterliche Klosterkatze wurde beim Volk sogar zum Synonym für Schleckermäulchen, denn es ging ihr weitaus besser als der darbenden Bevölkerung. Aus dem 16. Jahrhundert ist dann ein Sprichwort überliefert, in dem sich eine deutlich antiklerikale Einstellung hinter der Katze verschanzte: »Die Klosterkatze hat’s vom Herrn gelernt, sie frißt mit beiden Backen.«

Französischer Miniaturenmaler, Katze, mit einer Maus spielend, Ausschnitt, um 1340, Illustration aus dem Luttrell-Psalter.

Zum Schluß für heute sei noch ein Thema angedeutet, mit dem sich bisher nur sehr wenige Menschen beschäftigt haben – unsere Fähigkeit, den Menschen zuzuhören: »(Denn sie horchte zum FensterRahmen hin : ? – (wo’s, überdeutlich, k(r)atzte :!?) – und lachte doch sehr, als das PelzGesichtchen, klimmzügig, ›rein=peep’te‹:?–): ›Der Vielförmije –‹ (sagte Sie; und : ? –)/(Nu er hat uns redn hörn)« Der britische Autor Saki (eig. Hector Hugh Munro, 1870-1916) hat sich in seiner Erzählung Tobermory sehr ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. In der Erzählung laden Sir Wilfried und Lady Blemely ihren üblichen Freundeskreis zum Essen auf ihr ländliches Anwesen ein. Bei diesem zunächst harmlosen Stelldichein kommt heraus, daß Tobermory, der Kater der Blemelys, seit einiger Zeit der menschlichen Sprache mächtig ist, diese also sowohl verstehen als auch sprechen kann. In Unkenntnis der hieraus folgenden möglichen Kalamitäten befragt man den Kater nach seiner Meinung über die menschliche Intelligenz, und auf seine Rückfrage, welche Intelligenz im besonderen man damit meine, antwortete Mavis, eine der Besucherinnen

»Zum Beispiel – zum Beispiel meine.« »Da bringen Sie mich in eine peinliche Situation«, sagte Tobermory, dessen Ton und Benehmen jedoch keinerlei Peinlichkeit verrieten. »Als ihr Name im Zusammenhang mit den Einladungen zu dieser Party genannt wurde, erhob Sir Wilfried Einspruch, weil sie die dümmste Frau seines ganzen Bekanntenkreises seien und weil zwischen Gastfreundschaft und der Wohltätigkeit für geistig Minderbemittelte ein erheblicher Unterschied bestehe. Lady Blemely erwiderte darauf, daß Ihr mangelnder Verstand doch gerade der Grund für die Einladung sei, da Sie – Lady Blemelys Ansicht nach – der einzige In Frage kommende Mensch wären, der ihren alten Wagen kaufen würde. Sie kennen den Wagen doch, nicht wahr? Man nennt ihn hier den ›Neid des Sisyphos‹, weil er jede Steigung sehr flott nimmt, wenn man ihn schiebt.«

Tobermorys Enthüllungen gehen noch weiter, aber der Ausgang der Geschichte soll hier nicht verraten werden. Die ideenreiche Erzählung findet sich zum Nachlesen hier auf meinem Blog: https://katerpaul.wordpress.com/2010/09/19/vorsicht-kater/

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