Katzenspuren in »Zettels Traum« von Arno Schmidt (Teil 1)

»(selbst die Tür miaute bereits in ihren Angln)« heißt es an einer Stelle eher nebensätzlich in Arno Schmidts Zettels Traum – aber was für ein bildreicher Hinweis darauf, daß es in diesem Monumentalwerk von Katzenspuren nur so wimmelt! (Wie überhaupt in den Büchern von Arno Schmidt.) Ich habe für meine drei vorgesehenen Blog-Artikel dreizehn Textstellen aus Zettels Traum ausgewählt, in denen Katzen vorkommen, mal eine scheinbar beiläufige Nebenbemerkung, mal eine längere Textpassage. Meine Anmerkungen dazu wollen diese Texte keinesfalls interpretieren, vielmehr will ich dem nachstöbern, was mir beim Lesen in den Sinn kam. Ich habe mich übrigens bei den Zitaten aus Zettels Traum bemüht, Schmidts singuläre Schreibweise leidlich nachzubasteln, was manchmal allerdings kaum möglich ist. Deshalb seien mir als nichtmenschlichem Dilettanten einige Freiheiten bei der Wiedergabe nachgesehen.

An einer (für mich) zentralen Stelle des Buches geht Arno Schmidt der eigentlich fruchtlosen Frage nach, wem die Menschheit ihre Existenz verdankt. Seine Antwort ist jedoch eine verblüffend neuartige Interpretation der alttestamentlichen Erzählung von der Sintflut:

» … scheint es Dir unbekannt, daß das Menschengeschlecht – von ›schlecht‹ herstamm’nd? – seine Erhaltung überhaupt nur den Katzn verdankt:? – Dann erfahre also, daß die Badische Sintflutsage vom ›Sunkenthal‹ es doch sehr dramatisch beschreibt; wie die Wolke, aus der das Verderbm über die Gottvergeßnen hereinbricht, zuerst nur so groß wie ein Hut ist;/ dann wie eine Waschbalge!/ zuletzt wie ein Scheunenthor!! – / bis sie als, kohlschwarz=plattes Dach, über dem ganzen Thale festliegt. Als einzig Überlebender treibt ein Knäblein in seiner Wiege in die Flut hinaus : & bei ihm 1 Katze !, Wilma. So oft die Wiege auf die eine Seite sich überlegt : springt die Katze auf die and’re; und bringt das Wiegenschifflein immer wieder ins Gleichgewicht. Endlich verliefn sich die Flutn; und man blieb im Wipfel einer hohen Eiche hängen, undsoweiter. (Beide natürlich die Ahnherrn einer Neuen Mensch= & Katzheit.)«

Es würde mich nicht wundern, wenn Arno Schmidt bei diesen Zeilen an den englischen Maler John Everett Millais (1829-1896) gedacht hätte, an sein Ölbild Eine Überschwemmung aus dem Jahr 1870, auf dem – wie in Schmidts Nacherzählung der Badischen Sage – die Mosesgeschichte und die der Sintflut ineinanderfließen. Mir war die in der kunstgeschichtlichen Literatur mehrfach formulierte Auffassung, wonach die Katze als »ängstlich« zu interpretieren sei, schon immer ein wenig suspekt. Und so folge ich viel lieber dem Schmidt’schen Gedanken des Retters, eines feliden Kapitäns, der seinen schutzlosen Passagier sicher an Land bringen wird.

Sir John Everett Millais, Die Überschwemmung, 1870, Manchester Art Gallery

Neben den großen Menschheitsfragen kommt in Zettels Traum aber auch der Katzenalltag nicht zu kurz. Und der dreht sich nun mal hauptsächlich um das Thema der Ernährung. Arno Schmidt läßt wohl deshalb genau sagen, wie nach dem Essen mit dem benutzten Geschirr umzugehen ist: »Nee; nich einfach über’nanderstelln Fränzl : hilf bitte ma, mit Brot ab=wischn; und wirf’s dann in das Töpfchen=dort: für die Ketzerchen, weißDu ? ;: die sind sicher schon ganz=ungedulldich.« Oder an anderer Stelle: »Die anderen Abfällsel tu ins Töpfchen, und rühr sie durch’nander –: siehsDja, wie=die schon Mäulch’n machen, & die fore=paws hebm.« Es ist ein sparsamer, ein im heutigen Sinn ökologischer Haushalt, den Schmidt hier beschreibt, einer, der auch an die Katzen des Hauses denkt – und an anderer Stelle an Igel.

Arno Schmidt benutzt in Zettels Traum (neben der herkömmlichen) sehr unterschiedliche Schreibweisen für uns Katzen: Kätzer, Käzzl, Katzn, Katzo, Kazze, Kazzn undsoweiter, und eben auch  Ketzerchen. Er wußte natürlich sehr genau, daß die Katze eine antikirchliche Vergangenheit hat. Im 12. Jahrhundert tauchte als Sammelbezeichnung für die verschieden antikatholischen Potestbewegungen der Begriff Ketzer auf. Das Wort leitete sich zwar ursprünglich von den Katharern ab, wurde aber schnell mit der Katze in Verbindung gebracht. »Der Ursprung [des Begriffes Ketzer] muß aber früh vergessen worden sein, man brachte das Wort in eine ungewisse Beziehung zur Katze«, schreibt das Grimmsche Wörterbuch und führt dazu viele Belege an. Weil die Katze ihre Krallen in samtweichen Pfoten verborgen hält, hatte man sie schon lange der Falschheit bezichtigt. Der Ketzer wurde mit der Katze in Verbindung gebracht, weil er deren Falschheit besäße. Viele katholische Apologeten dieser Zeit zogen den Vergleich zwischen Katze und Ketzer. Damit war die Katze als antikirchliches Tier im Bewußtsein des Klerus und breiter Bevölkerungsschichten fest verankert. Lessing hat einmal angemerkt, dass »in gewissen Jahrhunderten […] der Name Ketzer die größte Empfehlung« sei. Auch dies wird Arno Schmidt gefallen haben, aus dessen Mund Ketzerchen ein Kosewort war und der in Kühe in Halbtrauer seine sehr ausgeprägte Zuneigung zu Katzen so begründet hat: »Ich schätze diese Tiere fast alle über Gebühr; allein schon deshalb, weil sie sämtlich Nicht-Kristn sind.«

Folgende Links führen auf diesem Blog zu weiteren Artikeln über Arno Schmidt https://katerpaul.wordpress.com/2011/01/02/arno-schmidt-und-seine-katzen/ https://katerpaul.wordpress.com/2011/01/07/arno-schmidt-und-seine-katzen-2/ https://katerpaul.wordpress.com/2011/01/09/arno-schmidt-und-seine-katzen-3/

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