E.T.A. 6 – »Wie Hoffmann auf den Tod des Kater Murr reagierte«

Hoffmann war nach dem Tod seines Katers außer sich vor Trauer und erteilte einen ungewöhnlichen Auftrag, der in der gesamten Berliner Gesellschaft für Gesprächsstoff sorgte. Nur einen Tag nach dem Tod des Katers Murr ließ der Dichter seinen besten Freunden eine lithographierte Traueranzeige zustellen: »In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling der Kater Murr im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin d. 1. Decbr. 1821 – Hoffmann«

Faksimile von E.T.A. Hoffmanns Traueranzeige für seinen Kater Murr

 

Zu dieser Zeit vollendete E.T.A. Hoffmann gerade den zweiten Band der Lebensansichten des Katers Murr. Darin setzte er in einer Nachschrift des Herausgebers dem wirklichen Kater Murr ein weiteres literarisches Denkmal: »Am Schluß des zweiten Bandes ist der Herausgeber genötigt, dem geneigten Leser eine sehr betrübliche Nachricht mitzuteilen. – Den klugen, wohlunterrichteten philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der bittre Tod dahingerafft mitten in seiner schönen Laufbahn. Er schied in der Nacht vom neunundzwanzigsten bis zum dreißigsten November nach kurzen, aber schweren Leiden mit der Ruhe und der Fassung eines Weisen dahin … Armer Murr! ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen – Nun! – schlafe wohl! – Friede deiner Asche! –« Diese Nachbemerkung hat manchen Zeitgenossen zum Kopfschütteln veranlaßt. Sogar in einer kurzen Bemerkung des engen Freundes Julius Eduard Hitzig blitzt das zeitgenössische Erstaunen über das Verhältnis von Hoffmann zu seinem Kater auf: »Der erste Vorbote der Leiden, die ihm bevorstanden, war – man lache nicht! – der Tod seines Katers.« Tatsächlich verschlechterte sich der Gesundheitszustand Hoffmanns nach dem Tod des Katers Murr drastisch. Er folgte ihm kaum sechs Monate später.

Hoffmann war ein sehr verschlossener Mensch und hat in seinem Leben nur wenige enge Freunde gehabt. Der Hoffmann-Biograf Klaus Günzel hat darauf hingewiesen und zum ungewöhnlichen Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Kater folgendes festgestellt: »Nur an ganz wenigen Stellen seines Œuvres hat dieser spröde, jeglicher Sentimentalität abholde Mensch sein Herz weit geöffnet. Was er aber beim Tode des Kater Murr empfand, das hat er in einer solchen seltenen Partie gegen Schluß des Romans, und zwar ganz ohne Ironie, ausgesprochen: ›Denn ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen ...‹« Wenn man seinen Biographen Glauben schenken darf, ist diese Bemerkung Hoffmanns eher ein Understatement und gesellschaftlichen Konventionen geschuldet. Er hat wohl selten einem Menschen so nachgetrauert, wie seinem Kater Murr.

E.T.A. Hoffmanns Grab auf dem auf dem Friedhof III der Gemeinde der Jerusalem- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor in Berlin

 

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