E.T.A. 5 – »Wie der Kater Murr erkrankte und starb«

Ausschnitt aus: Der deutsche Turm, unbekannter Künstler um 1785

Im zweiten Stock dieses Hauses am Gens’darmenmarkt, in der Charlottenstraße 56, lebten Hoffmann und sein Kater Murr von Mitte 1818 bis zur Nacht des 29. November 1821. Das Haus war um 1782 errichtet worden und wurde 1874 wieder abgerissen. Hoffmann selbst hat in seinem letzten großen Prosawerk Des Vetters Eckfenster eine sehr anschauliche Schilderung der Wohnung gegeben: »Es ist nötig zu sagen, daß mein Vetter ziemlich hoch in niedrigen Zimmern wohnt. Das ist nun Schriftsteller- und Dichtersitte. Was tut die niedrige Stubendecke? Die Phantasie fliegt empor und baut sich ein hohes, lustiges Gewölbe bis in den blauen glänzenden Himmel … Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, der von Prachtbauten umschlossen ist, und in dessen Mitte das kolossal und genial erdachte Theatergebäude prangt. Es ist ein Eckhaus, das mein Vetter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes.«

Der Deutsche Turm, unbekannter Künstler um 1785

Am deutlichsten wird die Intensität der Beziehung von Hoffmann zu seinem Kater Murr in dem Moment, wo sich ihre Wege für immer trennen. Im November 1821 erkrankt der Kater Murr im Alter von nur dreieinhalb Jahren schwer. Er hat diese Krankheit nicht überlebt, obwohl Hoffmann die Hilfe mehrerer Ärzte in Anspruch nimmt – eine für diese Zeit sehr ungewöhnliche Maßnahme. Dem Braunschweiger Dramatiker und Theaterdirektor Ernst August Friedrich Klingemann verdanken wir eine anschauliche und gleichermaßen erstaunte Schilderung der Beziehung Hoffmanns zu seinem Kater kurz vor dessen Tod. In seinem dreibändigen Werk Kunst und Natur. Blätter aus meinem Reisetagebuche berichtet Klingemann von seiner ersten persönlichen Begegnung mit Hoffmann in dessen Berliner Wohnung. Der berühmte Schauspieler Ludwig Devrient, einer der engsten Freunde des Dichters, hatte es übernommen, die beiden miteinander bekannt zu machen. Dieser Besuch fand an einem nicht näher bezeichneten Vormittag im November 1821 statt. Die beiden trafen Hoffmann in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Gendarmenmarkt. »Als ich mich übrigens nach einer Weile wieder zu jenem selbst [Hoffmann] kehrte, fand ich ihn im angelegentlichsten Gespräch mit Devrient und, wie es schien, über einen Gegenstand begriffen, der ihm sehr teuer sein, ja recht am Herzen liegen mußte, denn Hoffmanns ganze Miene hatte sich verändert und das kurz vorher noch scharf blitzende Auge schaute grau und trübe in sich hinein und schien besorgt, wie über ein bevorstehendes, bitteres Schicksal. Es betraf, wie ich gleich darauf bemerkte, einen sehr schwer Kranken, an dessen Herstellung die herzugerufenen Ärzte zweifelten, indes sie ihm, wie Hoffmann bemerkte, noch zum letzten Versuche Pulver und Einreibungen verordnet hätten. Nach einer eingetretenen tiefen Pause fragte ich mit berücksichtigender Teilnahme: ob der in Gefahr schwebende Patient zur Familie oder nähern Freundschaft gehöre. Worauf Hoffmann, ein Seitenzimmer öffnend, gerührt nach einem Lager hindeutete, auf welchem ein ansehnlicher – – Kater zu schlummern schien. – Von Staunen ergriffen stand ich da, und der grelle Kontrast zwischen der eingetretenen tragischen Stimmung und ihrem unerwarteten veranlassenden Gegenstande ließen mich zu keiner Überzeugung kommen, indes der Zweifel in mir aufstieg, ob nicht Hoffmanns durchtriebener Satyr es noch beim Abschiede mit mir auf eine Mystifikation abgesehen habe. – Beim Heimgange beteuerte mir indes Devrient, daß die Sache auf Hoffmanns Seite sehr ernst genommen werde, indem das leidende Tier, zu welchem er gleichsam in einem magnetischen Rapport stehe, niemand anders als der der Lesewelt bekannte und zum poetischen Charakter erhobene – Kater Murr sei! – Bald nach meinem Besuche und noch am Ende desselben Monats starb jenes seltsam an Hoffmann attachierte Tier.«

Genauer gesagt starb der Kater Murr in der Nacht vom  29. auf den 30. November. In dem schon erwähnten Buch des Freundes Julius Eduard Hitzig ist überliefert, wie Hoffmann die letzten Stunden seines Katers erlebt hat. Hitzig traf Hoffmann am Abend des 30. November zufällig vor dem Café Stehely an der Charlottenstraße Ecke Jägerstraße. Auf Hoffmanns Bitte besuchten sie das Caféhaus. Dort berichtete Hoffmann dem Freund folgendes: »In der Nacht… winselte der Murr gar zu erbärmlich, meine Frau schlief fest; ich stand sachte von ihrer Seite auf, schlich in die Kammer, wo er lag, hob die Decke auf, die über ihn gebreitet war, und nun sah er mich an, mit ordentlich menschlichen Blicken, wie bittend, daß ich ihm doch das Leben schenken möchte, und hörte für einen Augenblick auf zu jammern, als ob er Trost in meinen Mienen läse. Da konnte ich es nun nicht länger ertragen, ließ das Tuch wieder über ihn hinfallen, und kroch ins Bett zurück. Gegen Morgen starb er, und nun ist mir das Haus so leer und auch meiner Frau. Ich wollte heute früh gleich zu Fiocati, und ihr einen sprechenden Papagei kaufen; aber sie will keinen Ersatz, und ich auch nicht. Nicht wahr, Freund, Sie halten auch nichts von Surrogaten für geliebte Gegenstände?«

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