E.T.A. 4 – »Wie Hoffmann und der Kater Murr miteinander verbunden waren«

E.T.A. Hoffmann, undatiertes Selbstbildnis

Nach Erscheinen des ersten Teils der Lebensansichten stürzte sich E.T.A. Hoffmann wieder in die Arbeit. Im Herbst 1820 berichtete er Johann Daniel Symanski, dem Herausgeber einer Theaterzeitschrift, daß er dabei wäre, die Papiere des Katers Murr zu überarbeiten, um den zweiten und dritten Teil seiner Lebensansichten herausgeben zu können. »Der Gute schreibt zwar eine passable leserliche Pfote, indessen kann er von gewissen Gewohnheiten nicht ablassen, die auf manche Stelle in seinen Manuskripten ein schwer zu durchdringendes Dunkel werfen. …Doch – ich bemerke, daß ich, ohne es zu wollen, Ihnen verrate, wie sich der vortreffliche Kater Murr eben bei mir befindet. – Es ist dem so; eben sitzt er am Ofen mit dicht zugekniffenen Augen und schnurrt. Gott weiß, über welchem neuen Werk er brütet. – Ich bitte, Verehrtester! sagen Sie von Murrs gegenwärtigem Aufenthalt nichts weiter. Literatoren, Ästhetiker und wohl auch Naturhistoriker könnten auf die Bekanntschaft des lieben Viehs begierig werden und würden es nur in seinen tiefsinnigen Meditationen stören.« Es gehört zum Stilinventar Hoffmanns, daß in viele seiner Erzählungen Orte, Erlebnisse und Einsichten des eigenen Lebens einfließen. In den Lebensansichten des Katers Murr ist es nicht anders. So lebt der Romankater im zweiten Stock eines Stadthauses (wie Hoffmann und der wirkliche Murr), und nach einem Stadtspaziergang findet der Romankater bei der Heimkehr das Haus seines Herrn von einem Brand bedroht. In dieser Szene spielt Hoffmann auf den Brand des Königlichen Schauspielhauses am 15. Dezember 1817 an, dem auch sein Wohnhaus in der Taubenstraße 31 Ecke Charlottenstraße fast zum Opfer gefallen wäre. Die völlige Zerstörung des Schauspielhauses durch den Brand, den er aus dem Zimmer seiner Wohnung beobachtete, hatte für Hoffmann schwerwiegende Folgen. Seine Oper Undine, die bis dahin eine für diese Zeit sensationelle Anzahl von 17 Aufführungen erlebt hatte, wurde Zeit seines Lebens nie mehr aufgeführt. Die Titelrolle der Oper sang übrigens die zum Zeitpunkt der Uraufführung gerade 18-jährige Johanna Eunike, die vom Berliner Publikum wie keine andere Sängerin verehrt und gefeiert wurde. Hoffmann erlag nicht nur ihrem Gesang, er verliebte sich auch in die junge Frau. In einem Sonett vom 2. März 1820, Kater Murr an Johanna, die Sängerin, äußert er die Bitte: »Verschleuß dein Ohr nicht bangem Sehnsuchtswüten, / Denn Kater Murr klagt auch romant’sche Schmerzen.« Hoffmann unterschreibt das Sonett mit »Murr, étudiant en belles lettres et chanteur très renommé« – der Liebhaber schlüpft in die Rolle des Katers, oder umgekehrt; ein Verwechslungsspiel, das Hoffmann besonders zu lieben schien.

Aber auch Zeitgenossen Hoffmanns gehen mit Sinn für Ironie auf Hoffmanns Inszenierung einer phantastischen Doppelexistenz von Dichter und Kater ein. Ludwig Robert, der Bruder von Rahel Varnhagen, schreibt ihm nach der Lektüre der Lebensansichten Ende Januar 1820: »Was den Kater Murr betrifft, so muß ich zu meiner Schande gestehen, daß ich die Bekanntschaft dieses vortrefflichen Mannes bis jetzt noch nicht gemacht habe. Ich werde mich aber in den nächsten Tagen ihm vorstellen lassen. Zwar habe ich es verschworen, neue interessante Leute kennen zu lernen; aber ein genialer Kater macht eine Ausnahme von den gewöhnlichen berühmten Menschen.«

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