E.T.A. 3 – »Wie der Kater Murr Hoffmann zu seinem Roman inspirierte«

Der so altruistisch gerettete Kater bedankte sich, indem er Hoffmann zu einem Werk der Weltliteratur inspirierte: Ziemlich genau ein Jahr nach der Aufnahme des Katers in seine Wohnung begann Hoffmann mit der Niederschrift des ersten Teils der Lebensansichten des Katers Murr. Sein Freund und späterer Biograph Julius Eduard Hitzig hat in seinem 1823 erschienenen Erinnerungsbuch E.T.A. Hoffmanns Leben und Nachlaß darauf hingewiesen, welche Rolle der wirkliche Kater Murr – der tatsächlich auch so hieß – dabei gespielt hat. »Zu der äußern Form dieses Buches war Hoffmann durch einen ausgezeichneten schönen Kater veranlaßt worden, den er aufgezogen hatte und der ihm wirklich mehr als gewöhnlichen Tierverstand zu haben schien; wenigstens war er unerschöpflich in Erzählungen von den Klugheiten, welche von diesem Liebling, der in der Regel in dem Schubkasten des Schreibtisches seines Herrn, den er sich mit den Pfoten selbst aufzog, und auf dessen Papieren ruhte, ausgegangen sein sollten.« Hoffmann hat auch die Titelzeichnung für die Lebensansichten des Katers Murr geschaffen. In einem sehr langen und inhaltsreichen Brief an seinen Bamberger Freund Friedrich Speyer vom 1. Mai 1820, den er gemeinsam mit dem fertigen Buch absendet, äußert er sich – nicht ohne Selbstlob – darüber und über die Bedeutung seines wirklichen Katers für das Buch: »Von meinem literarischen Treiben nehmen Sie doch wohl dann und wann Notiz! – Ich empfehle Ihnen den höchst weisen und tiefsinnigen Kater Murr, der in diesem Augenblick neben mir auf einem kleinen Polsterstuhl liegt und sich den außerordentlichsten Gedanken und Fantasien zu überlassen scheint, denn er schnurrt erklecklich! – Ein wirklicher Kater von großer Schönheit (er ist auf dem Umschlage seines Buches frappant getroffen) und noch größerem Verstande, den ich auferzogen, gab mir nämlich Anlaß zu dem skurrilen Scherz, der das eigentlich sehr ernste Buch durchflicht.«

Umschlag von E.T.A. Hoffman zu den »Lebensansichten des Katers Murr«

Bei den Anfang 1820 erschienenen Lebensansichten des Katers Murr handelt es sich um den ersten, großen Roman der Literatur, in dem das Weltgeschehen aus der Sicht eines Katers beschrieben und kommentiert wird. Es waren vor allem zwei Eigenschaften seines Katers, die Hoffmann auf die Idee brachten, als literarische Premiere einen denkenden und sprechenden Kater aus der Welt der Fabeln und Märchen in die der »ernsten« Literatur zu überführen. Zwei Eigenschaften, die allerdings zum Repertoire jeder Katze gehören: Faulheit und Neugierde. Die Faulheit seines Katers – man kann, freundlich ausgedrückt, auch von einem ausgeprägten Ruhebedürfnis sprechen – erinnerte Hoffmann an die schöpferischen Phasen seines eigenen Schaffens, und deshalb dichtete er diese Eigenschaften auch seinem fiktiven Kater an: »Der Kater Murr träumt nicht allein sehr lebendig, sondern er gerät auch, wie deutlich zu bemerken, häufig in das träumerische Hinbrüten, in das somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der poetischen Gemütern für die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stöhnt und ächzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so, daß ich glauben muß, daß er entweder in Liebe ist oder an einer Tragödie arbeitet.«

In seinen Lebensansichten des Katers Murr kombiniert Hoffmann geschickt die andere Eigenschaft seines Katers, dessen spielerische Neugierde, mit der wissenschaftlich motivierten Entdeckungslust des Romankaters: »Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an, als der mit Büchern, Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich kann sagen, daß dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich gebannt fühlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages, als eben der Meister abwesend war, überwand ich meine Furcht und sprang herauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den Schriften und Büchern saß und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein, nur Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein Manuskript erfaßte und so lange hin und her zauste, bis es in kleine Stücke zerrissen vor mir lag.« Diese Schlüsselszene mit destruktivem Ausgang markiert den Beginn einer katzenuntypischen Bildungsreise. Der Romankater lernt erst lesen, dann schreiben. Schließlich wird auch aus ihm ein Schriftsteller, er verfaßt die vergleichende Schrift Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund, eine philosophische Abhandlung über die gravierenden Unterschiede beider Arten. Hoffmann hat wohl geahnt, daß die Lebensansichten des Katers Murr sein wichtigstes literarisches Werk werden würden. Wie zur Warnung an die ihm nicht immer wohlgesonnenen Kritiker legt er in einer Vorrede des Autors dem Kater Murr diese selbstbewußten Worte in den Mund: »Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buches einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt, und scharfe Krallen. Murr, Homme de lettres très renommé.«

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter KunstKatzen

Eine Antwort zu “E.T.A. 3 – »Wie der Kater Murr Hoffmann zu seinem Roman inspirierte«

  1. felix

    Ein ganz wundervolles Buch. Und eine tolle Homepage. Danke 🙂

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