1910: Kater Kiddo auf dem ersten Atlantiküberflug

In der aktuellen Ausgabe meiner Hauspostille Geliebte Katze stieß ich auf einen faszinierenden Artikel von Jutta Aurahs. Danach war 1910 beim ersten Versuch, den Atlantik zu überfliegen, ein graugetigerter Kater namens Kiddo mit an Bord. Und meine flugs angestellten Recherchen haben ergeben, daß sich dies tatsächlich so zugetragen hat: Am 15. Oktober 1910 startete der amerikanische Abenteurer Walter Wellmann mit seiner fünfköpfigen Crew in seinem Zeppelin America von Atlantic City in Richtung Europa. Sein Navigator Murray Simon hatte Kiddo mit an Bord geschmuggelt.

Murray Simon nach dem gescheiterten Jungfernflug

Doch dem Kater behagte die Luftfahrt überhaupt nicht. »Er rannte auf dem Zeppelin herum wie ein Eichhörnchen in einem Käfig«, vertraute Murray Simon seinem Logbuch an. Und Kiddo schrie so entsetzlich, daß eine Mannschaftsbesprechung anberaumt wurde. Der Chefingenieur Melvin Vaniman bestand darauf, den Kater auf eine das Luftschiff begleitende Barkasse abseilen zu lassen. »Wir müssen Kiddo unter allen Umständen an Bord behalten«, entgegnete der Engländer Murray Simon. »Ohne Kater werden wir kein Glück auf unserer Reise haben.« Doch er konnte sich nicht durchsetzen. Man steckte Kiddo in einen Seesack – in dem er noch mehr tobte – und startete ein waghalsiges Evakuierungsprogramm. Dies mißlang jedoch aufgrund der ungünstigen Witterungsbedingungen, und man mußte Kiddo wieder an Bord nehmen. Aus dem Seesack befreit fand Kiddo jedoch, daß es wesentlich unkonfortablere Aufenthaltsorte als ein Luftschiff gab und bewegte sich ab sofort mit der uns eigenen Eleganz in dem Zeppelin – das überliefert jedenfalls Simon in seinem Logbuch. In seinem Buch The Aerial Age (1911) berichtet Walter Wellmann sogar, daß Kiddo es sich zur Schlafenszeit auf seinem Kopfkissen bequem machte. (Vorher hatte der Luftfahrtpionier in dem ersten Funkspruch, der je von einem Luftschiff durchgegeben wurde, noch mitgeteilt, man wolle diese verdammte Katze von Bord schaffen.)

Kiddo im Arm von Melvin Vaniman

Trotz Kiddos Anwesenheit mißlang die Mission. Südöstlich von New York mußte die America notwassern und die Crew wurde schließlich von dem britischen Dampfer Trent aufgenommen. »Niederlage bei unserem Versuch, Europa zu erreichen«, heißt es in Murrays Logbuch. »Aber ein Rekord ist geschafft, auf den wir stolz sein können: Wir sind 1.008 Meilen geflogen und waren 72 Stunden in der Luft – und haben Kiddo gerettet!« Kiddo wurde natürlich zum heimlichen Star der gescheiterten Expedition. Er ließ sich im Schaufenster von New Yorks größtem Warenhaus Gimbels bewundern, um anschließend bei Walter Wellmans Tochter ein geruhsames Leben aufzunehmen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Familienbande

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s