E.T.A. 2 – »Was die Zeitgenossen Hoffmanns über uns Katzen dachten«

Um die Beziehung Hoffmanns zum Kater Murr auf dem Hintergrund seiner Zeit richtig würdigen zu können, muß man sich einmal anschauen, was seine Zeitgenossen über uns Katzen dachten. 1786, als E.T.A. Hoffmann zehn Jahre alt war, erschien Band 75 der Oekonomisch-technologischen Encyklopädie von Georg Krünitz. In diesem Monumentalwerk der damaligen Gelehrsamkeit heißt es über die Katze: »Obgleich diese Thiere, besonders solange sie jung sind, viel artiges und schmeichelhaftes an sich haben, so bemerkt man doch an ihnen eine gewisse heimliche Tücke, die falscheste Gemüthsart, und ein sehr verkehrtes Naturell, welches ihnen angeboren ist, welches im Alter noch ärger wird.« Noch fünfzig Jahre später berichten die Lexika der Zeit nicht sehr viel Vorteilhaftes über die Katze. In seinem Universal-Lexikon von 1835 bemerkte Heinrich August Pierer: »Auch verdient die natürliche Antipathie mancher Menschen gegen die Katze Bemerkungen, so daß diese Personen in der Nähe derselben, auch wenn sie von ihnen nicht bemerkt werden, Übelkeiten und Ohnmachten bekommen. Der von ihnen bewirkte Schaden besteht in der Verunreinigung des Hauses durch ihren Harn, im Forttragen glühender Kohlen in ihrem Pelze, wohl auch im Würgen der Kinder und anderer Personen.« Nur drei Jahre später veröffentlichte der deutsche Naturforscher und Philosoph Lorenz Oken seine Allgemeine Naturgeschichte für alle Stände, in der er tief in die Mottenkiste mittelalterlicher Vorurteile und Verleumdungen greift: »So nothwendig die Katzen sind, so gefährlich werden sie doch bisweilen. Man hat Beyspiele, dass sie Säuglinge, auf die sie sich gelegt, erstickt haben, auch die Augen ausgekratzt, ja sogar getödtet … Sie werden auch manchmal toll und verursachen die Wuth durch ihre Biß. Zum Zeitvertreib muß man daher keine Katze halten, am allerwenigsten mehrere, weil sie durch ihren Harn das Haus verstänkern und durch das Wetzen der Krallen die Stühle zerreißen.« Vielen Zeitgenossen galt die Katze noch als das von der mittelalterlichen Kirche verteufelte Hexentier.

aus: Brehms Thierleben, Erster Band, 2. Auflage 1876

Hoffmann war sich der Ablehnung der Katze durch die meisten seiner Zeitgenossen bewußt – er wies in seinem Roman deutlich darauf hin: »Ich rettete einen Kater, ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft fähig ausgeschrien wird, das niemals ganz und gar die feindliche Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus purer uneigennütziger Menschenliebe.« Aber das Urteil seiner Mitmenschen war ihm egal. Die Zuneigung zu seinem Kater Murr wog stärker als die allgemeinen Vorurteile um ihn herum.

aus: Hermann Masius, Naturstudien, 3.Auflage 1857

Erst lange nach Hoffmanns Tod setzte die Rehabilitation der Katze, ihre Befreiung aus mittelalterlichen Vorstellungswelten ein. 1840 veröffentlichte der Pfarrer und Professor Peter Scheitlin seinen zweibändigen Versuch einer vollständigen Thierseelenkunde. »Stundenlang schrieb er unaufhörlich, oft mit der Hauskatze auf einer Schulter«, heißt es in einer Schilderung seines Sohnes. Daß Scheitlin mit seinem Werk die wissenschaftliche und populäre Rehabilitation der Hauskatze einleiten würde, wußte er bei der Abfassung mit Sicherheit nicht. Er starb acht Jahre nach der Veröffentlichung. »Die Katze ist ein Thier hoher Natur«, beginnt sein 23seitiger Text über die Katze. »Schon ihr Körperbau deutet auf Vortrefflichkeit. Alles an ihr ist harmonisch gebaut, kein Theil an ihr ist zu groß oder zu klein. Kein Thierkopf ist schöner geformt.« Scheitlin beschreibt weiter mit großer Genauigkeit das Aussehen, die Sinne und das Verhalten der Katze, räumt mit allerlei zeitgenössischen Vorurteilen auf und erweist sich in seinem Text einerseits als intimer Kenner der Katzenseele, andererseits als theoretischer Vorreiter der heutigen Tierrechtsbewegung. So gründlich und einfühlsam, genau und vorurteilslos hat kein wissenschaftlicher Autor vor ihm die Katze beschrieben. 1852 erschienen die Naturstudien von Hermann Masius, die ebenfalls ein positives Bild der Katze propagierten. Sie erreichten breite Kreise der Bevölkerung. Masius stellte seinem Text über die Katze dieses programmatische Motto voran: »Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte.« Diese historische Unentschiedenheit in der Beurteilung der Katze will Masius beenden, denn »die Katze ist ein Raubthier vollkommenster Art, freilich in winziger Verkleinerung«. Um seine positive Einstellung der Katze zu unterstreichen, beschreibt er sie in geradezu poetischen Bildern. So zeichnet er das Bild eines schwarzen Katers, der »daliegt wie ein Stück Nacht, aus der nur die grünen Augensterne hervorblitzen«. Und das Schnurren der Katze wirkt auf ihn wie »die süße Gewohnheit des Daseins«. Zum Schluß seines Textes erinnert Masius daran, daß bedeutende Geister der Vergangenheit der Katze zugetan waren, wobei er ausdrücklich E.T.A. Hoffmann erwähnt. Nach Scheitlin und Masius schaltete sich schließlich auch Alfred Brehm in die Bemühungen ein, die Katze von ihrem vorurteilsbelasteten Image zu befreien. In seinem Thierleben von 1864 ergreift er eindeutig für die Katze Partei: »Je höher ein Volk steht, je bestimmer es sich seßhaft gemacht hat, um so verbreiteter ist die Katze. Wo man sie in ihrem wahren Werthe erkannt hat, verbreitet man sie mehr und mehr. So hat sie nach und nach Heimrecht fast auf der ganzen Erde sich erworben, und erscheint überall als ein lebendes Zeugnis des menschlichen Fortschrittes, der Seßhaftigkeit, der beginnenden Gesittung.« An anderer Stelle des Thierlebens räumt auch Brehm mit zeitgenössischen Vorurteilen gegen die Katze auf: »Das geistige Wesen der Katze wird gewöhnlich gänzlich verkannt. Man betrachtet sie als ein treuloses, falsches, hinterlistiges Thier, und glaubt, ihr niemals trauen zu dürfen. Viele Leute haben einen unüberwindlichen Abscheu gegen sie und gebärden sich bei ihrem Anblicke wie nervenschwache Weiber oder ungezogene Kinder.« Brehm zitiert anschließend einige abfällige, häufig vorgetragene Bemerkungen aus der zeitgenössischen wissenschaftlichen Literatur, um abschließend zu folgender Bewertung zu kommen: »Eine derartige Charakterzeichnung enthält wohl ein Körnlein Wahrheit, jedoch weit mehr Unrichtiges, und darf eher eine Verlästerung als eine Beschreibung der Katze genannt werden.«

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “E.T.A. 2 – »Was die Zeitgenossen Hoffmanns über uns Katzen dachten«

  1. Sehr schön; danke fürs Literaturwälzen.

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