E.T.A. 1 – »Wie Hoffmann auf den Kater Murr kam«

E.T.A Hoffmann, nach einem Selbstbildnis 1823 gestochen von Ludwig Buchhorn

Als (gefühlter) amtierender Nachfolger des legendären Kater Murr von E.T.A. Hoffmann ist es mir ein großes Anliegen, nach monatelangen Recherchen hier einmal ausführlich und in sechs täglichen Folgen allen Katzenfreunden von der Freundschaft zwischen Hoffmann und dem wirklichen Kater Murr zu erzählen.

Während seines dritten Aufenthaltes in Berlin von 1814 bis zu seinem Tod im Juni 1822 mehrte sich Hoffmanns Ruhm von Jahr zu Jahr. Der 1776 in Königsberg geborene Schriftsteller und Maler, Komponist und Kammergerichtsrat schwamm auf einer immer größer werdenden Welle des Erfolges. »Alle Kindermädchen lesen Hoffmann«, hat der reisende Kunstgelehrte Per Daniel Atterbom aus Schweden Ende August 1817 in seinem Reisetagebuch notiert. Hoffmann hat seine Popularität in einer seiner letzten Erzählungen, Des Vetters Eckfenster, nicht ohne Ironie selbst thematisiert. Darin beschreibt der bereits todkranke Dichter eine junge Marktfrau – ein Blumenmädchen auf dem Gendarmenmarkt – das, »sowie sie der Handel nicht beschäftigt«, eine seiner Erzählungen liest. Aber nicht nur die Kindermädchen und Marktfrauen lesen Hoffmann – er ist einsamer Mittelpunkt und begehrter Gast in den literarischen Salons und eleganten Zirkeln, nimmt geschmeichelt zahllose Einladungen an, sitzt jedoch viel lieber in der Weinstube Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt und gießt ständig Wein nach, auch gern allein. Nach dem Besuch der kunstsinnigen Gesellschaften beginnt er gegen Mitternacht seine nächtlichen Weintouren, um erst am frühen Morgen heimzukehren. Hoffmanns exzessiver und alkoholumdunsteter Lebenswandel schockiert die Gesellschaft, macht den erfolgreichen Autor aber andererseits zu einer Berliner Sehenswürdigkeit für durchreisende Fremde, für Künstler und Gelehrte. In seinem Ersten Brief aus Berlin schrieb Heinrich Heine am 26. Januar 1822 über das Café Royal Unter den Linden: »Aber dort am Tisch das kleine bewegliche Männchen mit den ewig vibrierenden Gesichtsmuskeln, mit den possierlichen und doch unheimlichen Gesten? Das ist der Kammergerichtsrat Hoffmann, der den Kater Murr geschrieben…« Vier Jahre vorher, im Sommer 1818, war mein verehrter Vorfahr, der echte Kater Murr, in Hoffmanns Leben getreten. Wir kennen die genauen Umstände nicht, aber in seinem bedeutendsten Roman, eben den Lebensansichten des Katers Murr, hat Hoffmann eine hinreißende Katzen-Findegeschichte geschrieben, die er vermutlich in ähnlicher Form mit dem Kater Murr selbst erlebt hat.

E.T.A. Hoffmann mit seinem Freund Ludwig Devrient in der Weinstube Lutter & Wegner, Aquarell von Carl Themann, etwa 1832

»Mitten auf der großen Brücke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zurück nach dem Park, der vom magischen Schimmern des Mondes umflossen dastand, wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen. Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quäken, das beinahe dem eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bückte mich tief über das Geländer und entdeckte im hellen Mondschein ein Kätzchen, das sich mühsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tod zu entgehen. Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersäufen wollen, und das Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht’ ich, ist’s auch kein Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquäkt und das du retten mußt… Ich kletterte über das Geländer, griff, nicht ohne Gefahr, herab, faßte das wimmernde Kätzchen, zog es hinaus und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich schnell aus und warf mich, ermüdet und erschöpft wie ich war, aufs Bett. Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klägliches Piepen und Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. – Ich hatte das Kätzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich befreite das Tier aus dem Gefängnis, wofür es mich dermaßen kratzte, daß mir alle fünf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und … zog mit aller Mühe und Sorgfalt den Kater groß. Es ist das gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann… ein Kater, der wirklich in seiner Art ein Wunder an Schönheit zu nennen [ist]. Die grauen und schwarzen Streifen des Rückens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso gestreift und von ganz ungewöhnlicher Länge und Stärke war der stattliche Schweif. Dabei glänzte des Katers buntes Kleid und schimmerte, von der Sonne beleuchtet, so daß man zwischen dem Schwarz und Grau noch schmale goldgelbe Streifen wahrnahm.«

Es wäre denkbar, daß Hoffmann den kleinen Kater Murr nach einer langen Nacht bei Lutter & Wegner in weinseliger Laune aufgelesen hat, nicht auf einer großen Brücke vor der Stadt, sondern eher in der Charlottenstraße am Gendarmenmarkt, durch die ihn sein Heimweg von der Weinstube so oft geführt hat. Wie dem auch gewesen sein mag: die oben beschriebene Begegnung mit dem Kater Murr führte zu einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem Menschen und einem Kater und zu mehr…

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5 Kommentare

Eingeordnet unter KunstKatzen

5 Antworten zu “E.T.A. 1 – »Wie Hoffmann auf den Kater Murr kam«

  1. Piepvögelchen

    Lieber Kater Paul,

    vielen Dank für deinen Beitrag über E.T.A. Hoffmann.

    Es hat mich mehr als erfreut, die mir noch unbekannten Fakten über die Entstehung des Kollegen Murr zu erfahren.

    Dein Piepvögelchen

    • Liebes Piepvögelchen, freut mich sehr, dass Dir der Beitrag gefallen hat. Dann kannste Dich noch auf fünf weitere Artikel freuen, die Tag für Tag jetzt hier erscheinen. Schnurrige Grüße vom Kater Paul

  2. Kater Mau T. T. MIAU

    Lieber Kater Paul, meine Mama und Tante Beck’s hatten mir nach der Katzenwelpenschule von Kater Murr erzählt. Ich konnte dabei nie Dichtung und Wahrheit unterscheiden. Jetzt ist mir vieles klarer. – Mach weiter so!
    Schnurr-miau, Kater Mau!

    • Maufred

      Kater Mau hatte vor Zeiten begonnen, mir seine Welpen-
      und Jugendgeschichte telepathisch zu diktieren. Heute ist Mau ein freischaffender Kringler (Schriftsteller), und ich bin weiterhin sein treuer Sekretär. Nach dem kürzlich erfolgten Erscheinen des ersten Teils seiner Geschichte: Wie man einen Menschen hat oder: Über die artgerechte Haltung von Zweibeinern, arbeitet er mit typisch kätzischer Gelassenheit am zweiten Teil seines Debüts.
      Was auch ich bis vor geraumer Zeit noch nicht wusste: Katzen können Zeitreisen in die Vergangenheit unternehmen. Daher war Mau auch so gut über Kater Murr informiert! – Aber auch die anderen Zeitreiseberichte sind natürlich – gelinde gesagt – ziemlich informativ!
      Ciao-miau, Menschenkater Maufred, Sekretär und Schmusebevollmächtigter.
      P. s.: Wo sind denn Kater Pauls weitere Geschichten aufzufinden?

  3. Pingback: Contes d’Hoffmann – Projeto Carpeaux

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