Arno Schmidt und seine Katzen 3

Foto aus: Alice Schmidt, Tagebuch aus dem Jahr 1954, Suhrkamp Verlag, 2005

In seinem Werk »Kühe in Halbtrauer« (1964) intoniert Arno Schmidt noch einmal den thematischen Zweiklang von Freiheit und Katze: »Die Katze ist das Sinnbild der uns möglichen (d. h. mit der Zivilisation noch zu vereinbarenden) Freiheit. Deshalb. Und das ist ja einer der seltenen Fälle, wo der Singular mehr ist als der Plural : › Freiheiten ‹ gewährt man den Völkern allenfalls noch; DIE FREIHEIT nimmermehr.« Arno Schmidt bezieht sich hier vielleicht auf allegorische Darstellungen der Freiheit, die bis ins vorchristliche Rom zurückreichen. Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. entstand eine Tempelskulptur in Gestalt einer Frau, die durch ein abgeworfenes Joch, eine zerbrochene Kette und eine Katze als Darstellung der Freiheit identifiziert werden muss. Diese Vorstellung, wonach die Freiheit weiblich und eine Katze sei, haben in der französischen Revolution beispielsweise Jaques Louis Copia und Pierre-Paul Prudhon in ihren Werken übernommen.

Direkt neben solche Überlegungen stellt Arno Schmidt Beobachtungen seiner Katzen – in der ihm eigenen Art: » … denn a) ließ Conte Fosco sich herab, sich auf den Tisch zwischen Uns zu setzen; und das war ja so ehrenvoll, daß ich … lieber Dem-hier zusah, wie Der sich am Arsch leckte : dann steht 1 Pelz-Stelz-Bein so hoch in die Luft weg ! . . . . .  /  Auch : ›Der Katze muß das Haus doch wie ein HOHLER BERG sein : mit Schätzen darin; Schlaraffenländern, Wärme – auch ‹ Gefahren › freilich; wie alle hohlen Berge.« [Falls jemand weiß, von wem das letzte Zitat stammt – falls es nicht von A.S. ist – dann wäre ich für eine Mitteilung sehr dankbar!]

Eine andere Beobachtung von Arno Schmidt in »Kühe in Halbtrauer« verweist auf die besondere Beziehung, die Frauen und Katzen seit eh und je haben: »Sogar die Wirtin nahm die schüchtern nach dem Rechten hereinschauende Katze zum Vorwand, sich zu ihr nieder zu hocken, und, über das erstaunte Tier hinweg, mir zuzuschauen; ( ‹ anders spricht die Frau mit der Katze, anders mit dem Ehemann › : das hätte mir längst geahnt).« Anders als mit den Ehemann, das meint hier wohl inniger, vertrauter, so wie bei einer erstaunlichen Dame mit Namen Donna Fiore aus Empoli, deren Trauerrede auf ihre Katze 1548 in dem Buch »Unterhaltsame Reden zum Tode verschiedener Tiere« abgedruckt wurde. Dort steht u.a. dieser bemerkenswerte Satz: »Der Tod meines Gatten hat mich nicht so betrübt, wiewohl er sein eheliches Amt verdienstvoll versah.« Daß Frauen schon immer eine intensivere Beziehung zu Katzen hatten ist überhaupt nicht erstaunlich. Katzen waren in ihrem Zusammenleben mit den Menschen immer die Drinnen-Tiere, die im Haus nach Mäuse zu jagen hatten. Sie hielten sich also stets im Wirkungsbreich der Frau auf. Der Hund dagegen war das Draußen-Tier, das tagsüber den Mann auf der Jagd oder auf dem Feld zu bewachen hatte, und nachts draußen über das Haus und den Hof wachen mußte.

»Der Trompeter von Säckingen« – Umschlag von 1896

In »Dya Na Sore« (1958) findet sich eine eher harmlos klingende Nebenbemerkung: »Auch Tiere ? : ein mächtiger schwarzer Kater schob sich mißmutig aus dem offenen Fenster im Erdgeschoß gegenüber ; setzte sich, und schlang den Schwanz um die Füße. › Komm, Hidigeigei, komm ! ‹ ; aber er kam nicht.« Dazu muß man wissen, daß Hidigeigei die felide Hauptfigur in einem der größten Bestseller des 19. Jahrhunderts war, Joseph Viktor von Scheffels Epos »Der Trompeter von Säckingen«. Und daß Hidigeigei ein eifriger Misanthrop und verläßlicher Pessimist war. Im dritten Lied des Hidigeigei heißt es beispielsweise: »Menschenthun ist ein Verkehrtes, | Menschenthun ist Ach und Krach; | Im Berwußtsein seines Wertes | Sitzt der Kater auf dem Dach!« Auch sein fünftes Lied endet in Moll: »Da ward Hidigeigei entsetzlich belehrt, | Da ließ er das Schwäremen und Schmachten, | Da ward er trotzig in sich gekehrt, | Da lernt’ er die Welt verachten.«

»Der Trompeter von Säckingen« – schönes Frontispiz mit Hidigeigei auf dem Säulenpodest

Und dann erfahren wir in diesem Buch noch eine Tatsache, die ganz und gar nicht erstaunt, daß nämlich der Kater Purzel mit großer Vorliebe »oben auf dem Regal hinter Büchern wandelte.« Darin sind sich voele Katzen gleich, egal ob sie mit begeisterten Lesern oder berühmten Dichtern zusammenwohnen.

Der Grabstein von Arno und Alice Schmidt im Garten des Bargfelder Hauses - natürlich mit Katze. Copyright: Angelika Fischer

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Eine Antwort zu “Arno Schmidt und seine Katzen 3

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