Zwei Schicksale historischer Schiffskatzen

Zu meinen bewunderten Vorfahren gehören die Schiffskatzen, die den Menschen geholfen haben, die Weltmeere zu erobern. Ohne sie und ihre rastlose Jagd auf Ratten und Mäuse wären wochenlange Schiffsreisen ohne die Möglichkeit, neue Nahrung aufzunehmen, kaum möglich gewesen. Denn Schiffskatzen haben die Lebensmittelvorräte vor den Nagern geschützt. Die Anwesenheit von Schiffskatzen war aber seit Beginn der interkontinentalen Seefahrt so selbstverständlich und alltäglich, dass sie in der Literatur selten Erwähung gefunden haben. Hier sind zwei historische Belege über ein Problem, das immer wieder aufgetaucht ist: Schiffskatzen sind oft über Bord gegangen …

Carlo Goldoni (1707-1793)

aus: Geschichte meines Lebens und meines Theaters, 1787

»Wir blieben vier ganze Stunden bei Tisch. Man spielte auf verschiedenen Instrumenten und sang viel. Die Soubrette sang vorzüglich, zum Bezaubern. Ich betrachtete sie aufmerksam. Sie machte einen sonderbaren Eindruck auf mich. Aber ach! Ein unglücklicher Zufall störte die Fröhlichkeit der ganzen Gesellschaft. Eine Katze, der Liebling der Primadonna, war aus ihrem Käfig entwischt: diese rief die ganze Welt zu Hilfe. Man gab sich alle Mühe, ihrer habhaft zu werden, allein die Katze, wild und eigensinnig wie ihre Gebieterin, ging durch, sprang wie der Blitz hierhin, dorthin, entschlüpfte, versteckte sich und erstieg endlich in der Angst den Mast. Ein Matrose stieg hinauf, sie herabzuholen, allein die Katze sprang ins Meer und ertrank. Man denke sich die Verzweiflung der Primadonna. Kein Tier, das ihr in den Weg kam, war seines Lebens sicher. Ihr Kammermädchen selbst sollte ihren Liebling in das Grab begleiten. Jedermann nahm die Partei des armen Mädchens, der Streit wurde allgemein. Endlich kam der Directeur dazu. Er lachte darüber und suchte die betrübte Dame zu besänftigen. Sie fing nun selbst an zu lachen, und die arme Katze war vergessen.«

Henry Fielding (1707-1754)

aus: Das Journal einer Reise nach Lissabon, 1755

»Donnerstag, der 11. Juli 1754. Ein überaus tragischer Vorfall ereignete sich an diesem Tag auf See. Während das Schiff noch unter Segeln stand, aber, wie sich herausstellen sollte, nicht sehr schnell vorankam, fiel ein Kätzchen, eines von den vier Katzenbewohnern des Schiffes, aus dem Fenster ins Wasser. Sofort alarmierte man den Kapitän, der eben auf Deck war, welcher die Neuigkeit mit äußerster Besorgnis und vielen bitteren Flüchen bedachte. Auf der Stelle gab er dem Steuermann Order, dem armen Ding, wie er es nannte, zu Hilfe zu kommen; die Segel wurden sogleich lose gemacht und jede Hand, wie man so sagt, dazu eingesetzt, das arme Tier wieder an Bord zu holen. Ich war, das muß ich zugeben, außerordentlich überrascht über all dies; weniger allerdings über die ungeheuer zarten und liebevollen Gefühle des Kapitäns als über die Tatsache, daß er irgendeine Möglichkeit sah, mit seinen Bemühungen Erfolg zu haben, denn selbst wenn Puss neuntausend statt neun Leben gehabt hätte, so war ich doch zu dem Schluß gekommen, daß diese alle dahin sein müßten. Der Bootsmann jedoch machte sich berechtigtere Hoffnungen; er hatte seine Jacke, seine Hosen und sein Hemd ausgezogen und sprang kühn ins Wasser, und zu meinem großen Erstaunen kehrte er in wenigen Minuten zum Schiff zurück, wobei er das reglose Tierchen im Mund hielt. All dies war keine so schwierige Sache, wie es mir in meiner Unwissenheit vorkam und wohl auch meinen Süßwasser-Lesern erscheinen wird. Das Kätzchen wurde nun auf Deck in die Sonne und in die frische Luft gelegt, und jedermann mußte sein Leben, von dem keine Symptome mehr zu erkennen waren, verloren geben … Aber da ich vielleicht ein wenig zu mutwillig versucht habe, die zarten Gefühle meiner Leser mit dieser Erzählung in Wallung zu bringen, so hielte ich es für unentschuldbar, wenn ich sie abschlösse, ohne ihnen die Genugtuung zu geben zu erfahren, daß das Kätzchen sich schließlich erholte, zur großen Freude das Kapitäns.«

Zum Thema Schiffskatzen siehe auch diese Links zu weiteren Artikeln in meinem Blog:

http://bit.ly/e8MsVo

http://bit.ly/eVMA87

http://bit.ly/gN3D93

http://bit.ly/gQk8tH

http://bit.ly/ie2Wpk

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