Arno Schmidt und seine Katzen

Arno Schmidt bei der Arbeit an »Zettels Traum«. Im Hintergrund darf noch der Kater Hintze mitdichten.

Im Werk des Dichters Arno Schmidt (1914-1979) wimmelt es nur so von Katzen. Der Berliner Buchhändler Gumny hat dort insgesamt 123 felide Fundstellen ausgemacht. In Arno Schmidts Büchern verleihen Katzen einem Sternbild ihren Namen (siehe dazu auf meinem Blog auch auch http://bit.ly/g0Ct3Z), sitzen auf Zaunpfählen und schauen mitleidig, verächtlich auf einen Dackel herab, verstecken Wäscheklammern (gern auch Tischtennisbälle) in Schuhen, stehen im Weg, versprühen nachts Funken, spielen im Korridor, randalieren, werden bekocht (»Katzen essen leidenschaftlich gern gedünstete Pilze, mit Zwiebeln, Pfeffer, Salz, Kümmel.«), zeigen »Krallenfächerchen«, halten immer wieder erwartungsvoll nach der Wurstbüchse Ausschau (und werden selten enttäuscht, auch wenn sie dann als »schmatzende Ruhestörer« gelten), streichen den Menschen um die Beine, dürfen sich über Libby-Milch als Leckerli freuen, werden gestreichelt und auf den Schoß genommen, zeigen Wetterwechsel an, schleichen »dienstlich geduckt« auf Mäusefang, sitzen auf Tischen, stoßen ungeduldige Wehlaute aus, putzen sich das Gesäß (»dann steht 1 Pelz-Stelz-Bein so hoch in die Luft weg!«), schauen angeregt bei Kochen zu, sind ein Sinnbild der Freiheit usw. usw. usw. Arno Schmidts weißgrauer Kater Conte Fosco war übrigens Schuld daran, dass alle Katzen des Schriftstellerhaushaltes während der Arbeit an »Zettels Traum« nicht mehr ins Schreibzimmer des Dichters gelassen wurden. Der Kater hatte dort kurz vor dem Verbot in Schmidts wertvolle Cooper-Ausgabe gepinkelt.

Alice Schmidt mit Katze, 1955

Bei dieser überbordendne Erwähnung von Katzen im literarischen Werk von Arno Schmidt wird in der Regel vergessen, dass seine Frau Alice eine ungewöhnliche und noch intensivere Beziehung zu Katzen unterhielt als der Dichter. (Nach dem Tod ihres Bruders Werner hat sie nur noch der Tod ihrer Katze Topper ähnlich intensiv erschüttert.) »Wer Alice Schmidts Tagebücher liest«, schrieb Jan Philipp Reemtsma in einem Nachwort zu Alice Schmidts Tagebuch aus dem Jahr 1954, »liest viel von Katzen. Wer Katzen liebt, weiß, dass die einen zu beschäftigen wissen, obwohl sie, wie Katzenliebhaber(innen) einem versichern, ja so selbständig sind. Die Katzen schon. Wer Katzen kennt und liebt, weiß, daß sie betörend schön sein können, und wer Katzen nicht bloß liebt, weiß, wie enervierend sie auch sind. Wer nun das Tagebuch liest, stellt fest, daß Alice Schmidt außerordentlich bereit war, sich von Katzen vollständig in Beschlag nehmen zu lassen … und in keine anderen Schilderungen steckt Alice Schmidt derartig viel Energie wie in die Beschreibung des täglichen Katzenhaushalts. Damit wird auch das Tagebuch zu einem tendenziellen Gegenentwurf: die Bedeutung der Katzen konkurriert ernsthaft mit allem übrigen.« So sind die beiden bisher veröffentlichten Tagebücher von Alice Schmidt über die Jahre 1954 und 1955 eine ideale Fundgrube für (etwas abgedrehte) Katzenliebhaber(innen).

Eine der Schmidt’schen Katzen, vermutlich von Arno Schmidt fotografiert

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5 Kommentare

Eingeordnet unter KunstKatzen

5 Antworten zu “Arno Schmidt und seine Katzen

  1. P.Osterritter

    Hi,
    vor allem die letzten Sätze des Beitrags resp. des Reemtsma-Zitats kann ich nur heftig benicken. Ich habe im Sommer für das Fahrrad-Magazin „fahrstil“ (konkret für die Anfang Dez. 2010 erschienene No. 3 zum Thema „Träume“) einen Beitrag als Fotografin illustriert, der sich um genau diese katzenverrückte Lilly Schm. (und das Tandemfahren der beiden) drehte: natürlich waren bei den Bildern jede Menge Katzen sprich „klaräugige Tigerchen“ und “ Gutkerlchen“ dabei. Denen Alice übrigens ein Vermächtnis aussetzte…

  2. Pingback: ASml-News | Arn Schmidt und seine Katzen

  3. Pingback: zement 01/04/2011 « zement

  4. Pingback: ASml-News | Weitere Katzenstellen

  5. Pingback: Katzenspuren in »Zettels Traum« von Arno Schmidt (Teil 1) | Kater Paul

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