Die Katzengöttin Bastet

Das ist sie, die Katzengöttin Bastet, auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes, also etwa 600 Jahre vor der Geburt des Christkindleins. Diese Bronze aus der 26. Dynastie ist besonders schön erhalten und erinnert eindrucksvoll an die bedeutendste Tiergöttin im alten Ägypten.

In der verwirrenden Welt der ägyptischen Götter und Göttinnen und ihren kaum überschaubaren Verbindungen mit zahlreichen Tiergestalten nahm ursprünglich die Löwengöttin Sachmet einen besonderen Platz ein. Sie war unberechenbar, gefährlich und schwer zu besänftigen. Der Löwe galt als Inbegriff der Naturgewalten und der Sonnenglut, in seiner unberechenbaren Wildheit war er zerstörerisch, verkörperte für die Ägypter dieser Zeit aber auch Überlebens- und Heilkraft. Sachmet mußte ständig durch berauschende Getränke, Zuspruch und Musik sanft gestimmt werden. Dies mißlang bei der Löwengöttin, sie verließ Ägypten im Zorn und lebte in Nubien, wo sie mit ihrem Feuerhauch Angst und Schrecken verbreitete. Schließlich gelang es dem Gott Thot in Gestalt eines freundlichen Affen, die in Nubien wütende Löwengöttin durch schmeichelndes Zureden, Musik und Tanz zu besänftigen und zur Rückkehr nach Ägypten zu bewegen. Sie brachte bei ihrer Rückkehr die ertragreiche Flut des Wassers sowie die Nilüberschwemmung mit und machte eine erstaunliche Verwandlung durch: die brüllende, unberechenbare Löwin erschien plötzlich als schnurrende Katze. Die nun entstandenen Bronzefiguren mit Katzendarstellungen gehören zum Schönsten, was die ägyptische Kunst hervorgebracht hat. Die Beliebtheit der Katzengöttin wuchs zu Beginn des Neuen Reiches unter Echnaton und Tutanchamun stetig an, bis sie am Ende des Neuen Reiches vor 3.000 Jahren in der Göttin Bastet einen heute unvorstellbaren Höhepunkt fand. Die Löwengöttin Sachmet verschmolz mit der Katzengöttin Bastet. Bastet verkörperte auf der einen Seite die unberechenbare und gefährliche Seite des Löwen, vor allem aber die Sanftheit und beschützende Kraft der Katze, die in ihr überwog. In dieser Zeit hieß es in Ägypten: »Sachmet von gestern … Bastet von heute.« Seitdem sorgten Besänftigungsrituale dafür, daß die Göttin, wie es der Ägyptologe Erik Hornung formuliert hat, »nicht zurückfällt in die einstige Wildheit und die Menschheit vernichtet, sondern fortgesetzt ein gnädiges Antlitz zeigt und die freundliche Katze bleibt, in die Thot sie verwandelt hat.« Die Göttin Bastet wurde von den Ägyptern als wirksame Beschützerin betrachtet, die ihren Anhängern sehr nahe war.

Sie hatte sogar ihre eigene Stadt: Bubastis im östlichen Nildelta, vor 3.000 Jahren Hauptstadt des Deltas. Hier erfreute sie sich einer beispiellosen Beliebtheit, der wichtigste Tempel der Stadt war ihr geweiht. In Bubastis versammelten sich in jedem Frühjahr über eine halbe Million Menschen, um das heilige Fest der Bastet zu feiern. Auf seinem Höhepunkt galt es als das populärste und bestbesuchte Fest im alten Ägypten, was nicht wundert, denn Bastet galt auch als Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit.

Thomas Mann hat die Katzenstadt in Joseph und seine Brüder folgendermaßen dargestellt: »Hier nun roch es so eindringlich nach Katzenkraut, daß es einem nicht daran gewöhnten Fremden fast übel davon wurde. Denn der Geruch ist jedem Wesen zuwider, nur nicht dem heiligen Tier der Bastet, nämlich der Katze, die ihn, wie man weiß, sogar gierig bevorzugt. Zahlreiche Beispiele dieses Tiers wurden in Bastets Heiligtum, dem gewaltigen Kernstück der Stadt, gehalten, schwarze, weiße und bunte, wo sie mit der zähen und lautlosen Anmut ihrer Art auf den Mauern und in den Höfen zwischen den Andächtigen umherstrichen.« Das Fest der Bastet beschreibt Thomas Mann als »ein Fest von drei Tagen, mit Opfern, Tänzen und Mummenschänzen, mit Jahrmarkt, dumpfen Getrommel, Märchenerzählern, Gaukeleien, Schlangenbeschwörern und so viel Traubenwein, wie er in Bastet das ganze übrige Jahr hindurch nicht verbraucht wurde.« Diese Darstellung ist uns auch von dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot überliefert.

Zum Fest der Bastet wurden Abertausende von Katzenmumien als Weihgabe mitgebracht und in einer riesigen Katzennekrophole beigesetzt. Dieser Brauch, der Bastet besänftigen sollte, brachte allerdings für die Katze erhebliche Nachteile mit sich. Da die Nachfrage kaum zu befriedigen war, wurden Katzen nur zu diesem Zweck gezüchtet und getötet. Aber nicht lange, denn dann wurde es verboten, Hand an das heilige Tier zu legen. Wer dieses Verbot übertrat, konnte der eigenen Hinrichtung kaum entgehen. Die ihr geweihten Katzenmumien wurden nach dem Tötungsverbot der Katze durch Bronzestatuetten ersetzt. Inzwischen war das Ansehen der Hauskatze so gestiegen, daß es das aller anderen Tiere bei weitem übertraf. Wenn eine Katze starb rasierte man sich die Augenbrauen ab und ließ den Leichnam mumifizieren. Seit Echnaton begrub man die Katze in prächtigen oder einfachen Särgen und ging in Trauer. Katzenpriester versorgten die Tempelkatzen, und als Erscheinungsform der Göttin Bastet durften Katzen nicht außer Landes gebracht werden. Selbst auf Münzen wurde die Katze geprägt.

Vergessen waren die Jahrtausende der Fremdheit zwischen Katze und Mensch, übersprungen die relativ kurze Zeit ihrer Annäherung: von der Wildkatze war sie über die halbzahme und domestizierte Hauskatze zur Göttin aufgestiegen – eine Karriere, die kein anderes Tier vor und – bis jetzt – nach ihr vorweisen kann. Die Zeitspanne ihrer bedingungslosen und unvergleichlichen Verehrung dauerte fast 2.000 Jahre. In dieser Zeit ging es ihr besser als vielen Menschen in Ägypten. Sie litt weder Hunger noch Durst, ihre Freiheit und ihr Leben blieben unangetastet. Für die Ägypter war sie der Garant für die Sanftmut der Göttin Bastet, für die Fruchtbarkeit des Landes und des Leibes, für Liebe und Heilung. Sie war im wahrsten Sinn des Wortes in einem Schlaraffenland angekommen, dem Land Kanaan, in dem Milch und Honig für sie flossen. Doch mit dem Niedergang des ägyptischen Reiches geriet auch ihr Thron ins Wanken. Das Fest der Bastet hielt sich noch bis in die Zeit der römischen Herrschaft hinein. Erst im Jahr 390 n. Chr. wurde es offiziell verboten. Damit war die göttliche Zeitspanne der Katze unwiderruflich vorbei. Ihrer Dignität beraubt, sah die Katze schweren Zeiten entgegen. Fast so lange wie ihre Herrschaft als Göttin sollte die Zeit der Ablehnung und Verfolgung im christlichen Mittelater dauern.

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