Um Katzen trauern 1

Da der Tod nun einmal zum Leben gehört, sind auch wir sterblich. Und viele Menschen trauern sehr um uns. Ich habe hier mal einige Dokumente trauernder Menschen gesammelt:

»Ich bin mir bewußt, liebenswürdige Schwestern, daß nichts hienieden lange währen kann, außer das Leiden, das unaufhörlich ist wie das menschliche Elend und ewig wie die Plagen, die uns Tag und Nacht ohne Unterlaß quälen – von kurzer Dauer dagegen sind die Tröstungen menschlichen Leids. Der Tod nimmt immer die Besten mit und läßt die Niederträchtigen leben [Zitat von Petrarca]. Länger als Tithonus [König von Troja, Geliebter von Aurora, die ihm Unsterblichkeit verschafft hat] leben die Nutzlosen, und die man am meisten braucht, die sterben, kaum daß man begriffen hat, daß sie geboren sind. Der Himmel gab mir als Lichtblick in meinem Witwenstand einen schönen und flinken Kater; aber zu meinem großem Schmerz hat ihn mir der neidische Tod geraubt. Oh was für ein schmerzlicher Verlust war dies für mich! Der Tod meines Gatten hat mich nicht so betrübt, wiewohl er sein eheliches Amt verdienstvoll versah. Mein treuer Kater zerstreute mich auf tausenderlei süße Arten … Was soll ich nun tun, ihr lieben Damen, um solch wertvolle Dienste zu würdigen? Zur Stunde weiß ich nichts Besseres, als ihn feierlich in dieses schöne Grab zu legen, das ihr hier mit kundigem Meißel graviert seht, und schließlich euch zu danken, ihr lieben Damen, die ihr den Spinnrocken und die Garnwinde beiseite gelegt habt, um den heitersten Kater zu ehren, den je eine edle Dame besaß. Dies wollte ich sagen.« aus: Ortensio Lando, »Unterhaltsame Reden zum Tode verschiedener Tiere, in denen man bei neugieriger Lektüre die Schärfe des Geistes vieler edler Schriftsteller bewundern kann«, 1548

Fast zweihundert Jahre nach Erscheinen des Buches von Ortensio Lando starb die geliebte Katze des italienischen Dichters Domenico Balestrieri. Auf dem Kupferstich eines unbekannten Künstlers sieht man Balestrieri mit einer fassungslosen Armbewegung auf einem Stuhl sitzen, auf dem Tisch vor ihm liegt das tote Tier. Der Verfasser heiterer und ernster Verse im Mailänder Dialekt bat zahlreiche Freunde und Bekannte, Gedichte über den Tod seiner Katze zu schreiben. Achtzig Dichter folgten seinem Aufruf. Unter dem Titel Lagrime in morte di un gatto (Tränen über den Tod einer Katze) veröffentlichte Balestrieri 1741 die in Italienisch, Griechisch, Latein, Französisch und Arabisch verfaßten Gedichte mit seinen eigenen Anmerkungen und Antworten. Der Band umfaßt 280 Seiten und beginnt mit dem Vierzeiler: »Geboren in Mailand zwischen seiner Wohnung und dem Dachstuhl | wurde Balestrieris edle Katze | in der ersten Stunde am sechsten Apriltag | als Petrarca eines seiner Sonette schrieb.« Das erste Gedicht des Buches stammt von einem Giancarlo Passeroni de Nizza. Darin heißt es: »In diesem Buch wird lediglich zum Zeitvertreib eine Katze gepriesen, die in der Blüte ihrer Jahre starb. Sie stammte aus einem heiteren Geschlecht und liebte das schöne Wetter. Seit dem Tod Karl des Großen [814] war Italien nicht so aufgewühlt, und über nichts anderes wurde so viel geschrieben.« Da die anderen Gedichte dieses Buches ähnlich gewichtige Aussagen über Balestrieris Katze enthalten, hat der Herausgeber als Klarstellung vorsichtshalber ans Ende eine Notiz gesetzt: »Die Autoren dieser Sammlung erklären, daß sie sich in voller Übereinstimmung mit den Glaubensgrundsätzen der Katholischen Kirche befinden.«

Mit einer für seine Zeit ungewöhnlichen Intensität fühlte sich E.T.A. Hoffmann seinem Kater Murr verbunden. Dem Braunschweiger Dramatiker und Theaterdirektor Ernst August Friedrich Klingemann verdanken wir eine sehr anschauliche und erstaunte Schilderung dieser Beziehung kurz vor dem Tod des Katers. In seinem dreibändigen Werk Kunst und Natur. Blätter aus meinem Reisetagebuche berichtet Klingemann von einem Besuch bei E.T.A. Hoffmann in dessen Berliner Wohnung, wo er auch den berühmten Schauspieler Ludwig Devrient antraf, einen engen Freund des Dichters. Nachdem sich Klingemann eine Weile mit E.T.A. Hoffmanns Frau unterhalten hatte, »fand ich ihn im angelegentlichsten Gespräch mit Devrient und, wie es schien, über einen Gegenstand begriffen, der ihm sehr teuer sein, ja recht am Herzen liegen mußte, denn Hoffmanns ganze Miene hatte sich verändert und das kurz vorher noch scharf blitzende Auge schaute grau und trübe in sich hinein und schien besorgt, wie über ein bevorstehendes, bitteres Schicksal. Es betraf, wie ich gleich darauf bemerkte, einen sehr schwer Kranken, an dessen Herstellung die herzugerufenen Ärzte zweifelten, indes sie ihm, wie Hoffmann bemerkte, noch zum letzten Versuche Pulver und Einreibungen verordnet hätten. Nach einer eingetretenen tiefen Pause fragte ich mit berücksichtigender Teilnahme: ob der in Gefahr schwebende Patient zur Familie oder nähern Freundschaft gehöre. Worauf Hoffmann, ein Seitenzimmer öffnend, gerührt nach einem Lager hindeutete, auf welchem ein ansehnlicher – – Kater zu schlummern schien. – Von Staunen ergriffen stand ich da, und der grelle Kontrast zwischen der eingetretenen tragischen Stimmung und ihrem unerwarteten veranlassenden Gegenstande« ließen Klingemann zweifeln, ob Hoffmann nicht doch einen Scherz mit ihm treiben wollte. »Beim Heimgange beteuerte mir indes Devrient, daß die Sache auf Hoffmanns Seite sehr ernst genommen werde, indem das leidende Tier, zu welchem er gleichsam in einem magnetischen Rapport stehe, niemand anders als der der Lesewelt bekannte und zum poetischen Charakter erhobene – Kater Murr sei! – Bald nach meinem Besuche und noch am Ende desselben Monats starb jenes seltsam an Hoffmann attachierte Tier.« E.T.A. Hoffmann reagierte mit großer Betroffenheit und erteilte einen ungewöhnlichen Auftrag, der in der Berliner Gesellschaft für Gesprächsstoff sorgte. Zwei Tage nach dem Tod des Kater Murr ließ der Dichter seinen besten Freunden eine Traueranzeige zustellen: »In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d.J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling der Kater Murr im vierten Jahre seines hoffnungsvollen Lebens. Wer den verewigten Jüngling kannte, wer ihn wandeln sah auf der Bahn der Tugend und des Rechts, mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen. Berlin d. 1. Decbr. 1821 Hoffmann«

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Um Katzen trauern 1

  1. miezel pietz

    trauriger zufall: am vergangenen freitag musste ich ein flugblatt am baum vor meiner haustür lesen… der anderthalb jährige „horst“ vom blumencafé an der schönhauser allee wurde letzten mittwoch in meiner strasse überfahren… in einer 30er zone und natürlich mit fahrerflucht.
    der neugierige und zutrauliche kleine kater hat des öfteren nachbarn in der gaudystrasse auf ein paar brekkies besucht, darunter auch mich im hinterhof.
    ich war und bin sehr traurig. auch darüber, dass diese blätter nicht ein mal 24 stunden hängen konnten…

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