Marlen Haushofer: »Die Wand«

Marlen Haushofer mit ihrem Tigerkater Iwan, um 1955. © by Sybille Haushofer

Marlen Haushofer mit ihrem Tigerkater Iwan, um 1955. © by Sybille Haushofer

»Der wird dir nicht g’fallen – es ist eine Katzengeschichte.« Mit diesen Worten übergab die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) ihrem Freund und Förderer Hans Weigel 1962 das Manuskript »Die Wand«. Ein merkwürdiger Satz, denn »Die Wand« ist gar keine Katzengeschichte. »Die Wand« ist ein Entwicklungsroman, eine Endzeitgeschichte, ein ungemein fesselnder Bericht, bei dessen Lektüre man geneigt ist zu vergessen, dass es sich um eine Fiktion handelt.

Der Handlungsrahmen des Romans ist schnell erzählt. Eine Frau fährt mit einem befreundeten Ehepaar in eine Jagdhütte. Das Ehepaar geht am Abend noch in die Wirtschaft eines nahegelegenen Dorfes und kehrt nicht mehr zurück. Am nächsten Tag macht sich die Protagonistin des Romans auf die Suche nach den Freunden und stößt nicht unweit von der Jagdhütte plötzlich auf eine durchsichtige, aber unüberwindliche Wand. Jenseits dieser Wand, deren räumliche Ausmaße unklar bleiben, ist alles Leben erstorben. Nur innerhalb des Raumes, den die Wand umschließt, geht das Leben weiter. Die Frau richtet sich in ihrem natürlichen Gefängnis ein, kämpft ums Überleben und entfernt sich innerlich immer weiter von der Zivilisation. Sie wandelt sich langsam, begibt sich auf den Weg, mit der Natur zu verschmelzen. Die Geschichte hat kein Ende, das Rätsel der Wand wird nicht gelöst, die Zukunft bleibt offen.

Dennoch ist es auch eine Geschichte über uns Katzen, denn der Frau läuft (außer dem Hund Luchs und der Kuh Bella) auch eine Katze zu, die namenlos bleibt. Die Katze bekommt Kinder, die Kinder sterben nach geraumer Zeit, die Katze überlebt bis zum Schluß des Buches. Vielleicht bekommt sie wieder Kinder, vielleicht auch nicht. Die Katze hilft der Frau, ihr neues Leben zu leben. »In Wahrheit bin ich mehr auf sie angewiesen als sie auf mich. Ich kann zu ihr reden, sie streicheln und ihre Wärme sickert über meine Handflächen in meinen Leib und tröstet mich. Ich glaube nicht, dass die Katze mich so nötig braucht wie ich sie.« Selten hat eine Autorin oder ein Autor sich in einem Roman so ausführlich, einfühlsam und kenntnisreich über uns Katzen geäußert. »Katzen leben überhaupt unter einem geradezu byzantinischen Zeremoniell und nehmen es sehr übel, wenn man sie bei ihrem geheimnisvollen Ritual stört … Setzte ich eine meiner Katzen auf die Bank, sprang sie herunter, ging dreimal auf und ab und setzte sich dann genau dorthin, wo ich sie zuvor hingesetzt hatte. Mit dieser Geste beharrten sie auf ihrer Freiheit und Unabhängigkeit.« Auch der alte Möbelkonflikt zwischen Katzen und Mensch wird bei ihr zutreffend beschrieben: »In der Hütte zerfetzte er [Tiger] alles, was er erreichen konnte, und schärfte seine Krallen an den Tischbeinen und Bettpfosten. Das machte mir aber nichts aus. Ich besaß ja keine kostbaren Möbel, und selbst wenn ich sie besessen hätte, wäre mir eine lebende Katze wichtiger als das schönste Möbelstück.« Mehr soll über den grandiosen Roman nicht verraten werden, den ich hiermit für alle Menschen, die mit Katzen zusammenleben, zur Pflichtlektüre erhebe.

Marlen Haushofer mit Katze 1932. © by Rudolf Frauendorfer

Selbstverständlich hat Marlen Haushofer auch mit Katzen zusammengelebt – sonst hätte sie diesen Roman nicht schreiben können. Während die Katze auf dem Bild von 1935 namentlich nicht bekannt ist, handelt es sich bei dem Kater auf dem anderen Bild um ihren über alles geliebten Iwan, der ihr auch als Vorbild für ihr Kinderbuch »Bartls Abenteuer« diente.

Titelbild der dtv-Ausgabe von 1960. Illustration: Celestino Piatti

Auch in ihrem Roman »Die Mansarde« spielt eine Katze offensichtlich eine gewichtige Rolle. Vielleicht liest einer von Euch eines dieser beiden Bücher und schreibt dann hier dazu einen Kommentar.

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