Schiffskatzen 6

Schiffskater Simon (* Hong Kong 1947, † Hackbridge 1949)

Simon war Schiffskater auf dem Schlachtschiff Ihrer Majestät »Amethyst«. In den Wirren des chinesischen Bürgerkrieges patroullierte die »Amethyst« auf dem Jangtsekiang. Am 20. April 1949 geriet die »Amethyst«, obwohl sie deutlich als neutrales Schiff gekennzeichnet war, etwa 100 Seemeilen von der Mündung des Jangtsekiang entfernt auf einer Routineflußfahrt unerwartet unter Kanonenbeschuß rotchinesischer Einheiten und lief infolge der schweren Treffer auf einer Sandbank fest. Der Kapitän und 24 Marines starben bei dem kurzen aber heftigen Angriff und auch Simon blieb nicht verschont. Geschoßteile verletzten seine Vorderpfoten und durchschlugen seinen Brustkorb. Im Gesicht erlitt er Brandverletzungen, seine Schnurrhaare wurden versengt. Nach der schweren Kanonade begannen komplizierte Verhandlungen zwischen den kommunistischen und den englischen Offizieren über ein freies Geleit für die »Amethyst«. Ein paar Tage später fanden Matrosen Simon in einer dunklen Ecke, in die er sich (wie um zu sterben) zurückgezogen hatte. Der schwerverletzte Kater wurde sofort untersucht und medizinisch versorgt. Ein Querschläger hatte sein Herz verletzt, und seine Überlebenschance war eher gering. Doch zur Überraschung aller erholte sich Simon erstaunlich schnell und konnte schon bald wieder seiner Hauptbeschäftigung, dem Ratten- und Mäusefang, nachgehen. Das war auch dringend nötig und eine Frage des Überlebens. Denn die Verhandlungen über einen freien Abzug der »Amethyst« zogen sich in die Länge, und es schien, als würden sie bis zum Ende des Bürgerkrieges dauern. In dieser schwierigen Situation entstand eine neue Gefahrenquelle. Zahlreiche Ratten machten sich über das festliegende Schiff und seine Lebensmittelvorräte her. Die aufgestellten Fallen zeitigten nur mäßigen Erfolg und die Mannschaft war auf Simons Fähigkeiten angewiesen, der trotz seiner Verwundung jeden Tag bis zu fünf Ratten tötete. Insbesondere eine riesige Ratte, fast so groß wie Simon selbst, machte dem Schiff zu schaffen. Die Matrosen hatten sie auf den Namen Mao Tse-Tung getauft. Sie überfiel das Schiff täglich mit vielen kleineren Ratten im Gefolge und richtete großen Schaden an. Eines Tages kam es zu dem von der Mannschaft gleichermaßen befürchteten wie ersehnten Kampf zwischen Mao und Simon, aus dem der nach wie vor durch seine Wunden gehandicapte Kater als Sieger hervorging. Simon avancierte vom Liebling der Matrosen zum Kriegsheld. Als das Schiff wieder freie Fahr aufgenommen hatte, versammelte sich die gesamte Mannschaft der »Amethyst« am 1. August zu einer ungewöhnlichen Zeremonie an Deck des Schiffes. Alle Offiziere und Matrosen standen in Reihe, als Simon vom Ersten Offizier mit einem Ordensband der »Amethyst« für seine Verdienste ausgezeichnet wurde. Die Nachricht von Simons tapferem Kampf gegen die Ratten und besonders gegen Mao Tse-Tung ging in der Zeit des Kalten Krieges wie ein Lauffeuer um die Welt, Simon wurde zum Medienstar. Neugierige und Journalisten fanden sich jeden Tag am Schiff ein, um Simon zu sehen und zu fotografieren. Reporter fragten die Seeleute nach Simon aus, man nahm ihm sogar Pfotenabdrücke ab. Die Heimfahrt der »Amethyst« geriet für Simon zu einem Schaulaufen. In jedem Hafen, den das Schiff anlief, warteten schon Pressevertreter auf Fototermine und Interviews, und viele Menschen versammelten sich am Kai, um einen Blick auf den legendären Kater zu werfen. Im August beschloß die Tierschutzorganisation People’s Dispensary for Sick Animals (PDSA), Simon als 54. Tier mit der Dickin Medal auszuzeichnen. Zum ersten Mal sollte eine Katze und ein tierischer Kriegsheld der Marine mit der Medaille geehrt werden. Am 1. November 1949 erreichte die »Amethyst« ihren Heimathafen Plymoth. Doch Simons Berühmtheit bewahrte ihn nicht vor den strengen Regeln der englischen Quarantänebestimmungen, er mußte für sechs Monate in ein Tierheim. Dort sollte er am 11. Dezember mit der Dickin Medal ausgezeichnet werden. Die Namensgeberin der Medaille und der Oberbürgermeister von London wollten an der feierlichen Zeremonie teilnehmen. Kurz davor wurde Simon plötzlich krank und bekam hohes Fieber. Der schnell herbeigerufene Tierarzt untersuchte ihn ausführlich, diagnostizierte eine bakterielle Infektion und verabreichte ein Antibiotikum. Doch in der folgenden Nacht starb Simon. Laut Auskunft des behandelnden Arztes hat sein durch die Verwundung geschädigtes Herz einfach aufgehört zu schlagen. Auch diese traurige Nachricht verbreitete sich blitzschnell. Radiostationen und Zeitungen meldeten weltweit Simons Tod. Das Time Magazin rückte sein Foto unter der Überschrift »In Honoured Memory« in die Todesanzeigen ein. Simon wurde auf dem Tierfriedhof der PDSA in Ilford in einem eigens hergestellten Sarg beigesetzt, der mit einem kleinen Union Jack bedeckt war. Auf seinem Grabstein steht folgende Inschrift: »In Erinnerung an Simon | Gedient auf der HMS Amethyst von Mai 1948 bis September 1949 | Ausgezeichnet mit der Dickin Medal im August 1949 | Gestorben am 28. November 1949 | Während des Vorfalls am Jangtsekiang war sein Verhalten von größter Vorbildlichkeit.«

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