Das Kätzchen in »Der dritte Mann«

In Der dritte Mann von Carol Reed (nach einem Buch von Graham Greene) aus dem Jahr 1949 wird der amerikanische Westernautor Holly Martins (Joseph Cotten) von seinem charmanten und jedermann schnell für sich einnehmenden Jugendfreund Harry Lime (Orson Welles) 1945 nach Wien eingeladen. Als Martins dort eintrifft erfährt er, daß sein Freund bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sei. Er erfährt aber auch, daß Harry Lime des verheerenden Schwarzmarkthandels mit gestrecktem Penicillin verdächtig war und beginnt mit eigenen Recherchen. Dabei gerät er in der Viermächtestadt zwischen die Fronten von Polizei, Militär und Geheimdiensten. Als er sich einmal nachts auf dem Heimweg in seine Pension befindet, bemerkt er auf der anderen Straßenseite im Schatten eines Hauseinganges undeutlich eine männliche Gestalt. Martins fühlt sich verfolgt und beschattet und beginnt laut zu zetern. Die geheimnisvolle Person solle den Mut haben sich zu zeigen, aus ihrem Versteck herauskommen. Zwischen den Füßen des im Schatten Verborgenen sitzt vertrauensvoll ein kleines, schwarzweißes Kätzchen und putzt sich selbstversunken den Kopf und die Vorderpfötchen. Eine Großaufnahme zeigt, daß sie sich von Holly Martins Geschrei nicht beeindrucken oder gar stören läßt. Doch eine Anwohnerin wird wach. Sie schaltet das Licht im Schlafzimmer ein und geht zum Fenster, um sich nun ihrerseits lautstark über den nächtlichen Krach zu beschweren. In diesem Moment taucht der Kopf des vermeintlichen Verfolgers im Schein des Zimmerlichts auf – es ist der totgeglaubte Harry Lime. Gleichzeitig erklingt selbstverständlich auch [es ist ja schon vorher erklungen] das unverwechselbare Harry-Lime-Thema, das den bis dahin nahezu völlig unbekannten Zitherspieler Anton Karas über Nacht weltberühmt gemacht hat. Es ist wohl dieser Mehrklang aus Harry Limes plötzlichem Erscheinen, seinem unnachahmlich hintergründigem Lächeln, der gänzlich unbeteiligt wirkenden Katze und dieser wienerischen Zitherballade, der diese Szene zu einer Ikone der Filmgeschichte gemacht hat. Und welche Funktion hat das Kätzchen? Sie tauchte schon in der vorhergehenden Szene auf und Holly Martins wollte mit ihr spielen. Doch sie entzog sich ihm und Martins musste erfahren, dass die Katze nur Harry mochte. Der Einsatz der Katze in diesen beiden Schlüsselszenen des Film kann vielfach interpretiert werden. Ihre vertrauensvolle Nähe zu dem skrupellosen Verbrecher Harry Lime könnte dessen Fähigkeit betonen, sich bei jedermann schnell beliebt zu machen. Ihr demonstrativ zur Schau gestelltes Pfötchenputzen könnte aber auch daran erinnern, daß die Pfoten der Katze samtweich und gleichzeitig nadelspitz sind, ein Umstand, der ihr schon im Mittelalter den Ruf der Betrügerin eingebracht hatte. Dann wäre sie ein Symbol für Harry Limes Verschlagenheit. Es könnte aber auch eine vertrauensvolle Solidarität der Ausgestoßenen visualisiert worden sein. Die heimatlose Katze, die nachts durch die Straßen schleichen muß, fühlt sich wohl in der Nähe des Outcast Harry Lime, der sich nur durch die Inszenierung seines eigenen Todes vor der Verfolgung durch die Justiz retten konnte, und dessen nächtliche Begegnung mit dem alten Freund der Anfang von seinem Ende ist. Wie oft in der Kunst ist eine eindeutige Antwort kaum möglich. Zu vielschichtig sind die Interpretationsspielräume, wenn es um die Bedeutung der Katze geht.

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