Mrs. Chippy, der Schiffskater

Mein vierter Beitrag zum Thema »Schiffskatzen« (die vorigen siehe unter: Familienbande) widmet sich Mrs. Chippy, trotz seines Namens ein Kater und dazu einer der abenteuerlichsten Schiffskater aller Zeiten. Er begleitete Sir Ernest Shackleton und seine Mannschaft 1914 bei ihrer berühmten Antarktisexpedition auf der Endurance.

Es existiert eine sehr schöne Fotografie von Mrs. Chippy. Sie zeigt ihn mit hochgestellten Ohren und aufmerksamen Blick auf der rechten Schulter von Perce Blackborow hocken, einem blinden Passagier, der sich in Buenos Aires auf die Endurance geschlichen hatte und nach seiner Entdeckung als Steward und Kombüsenhilfe beschäftigt worden war. Zu ihm hatte Mrs. Chippy eine besondere Zuneigung gefasst.

Mrs. Chippy und Perce Blackborow. Foto: Frank Hurley

Mrs Chippy scheint mit einem außergewöhnlichen Durchhaltevermögen und Mut ausgestattet gewesen zu sein. In seinem Tagebuch beschreibt Thomas Orde-Lees, der auf der Endurance als Maschinenexperte und Proviantmeister fuhr, fünf Wochen nach dem Start der Expedition in England am 13. September 1914 nämlich eine dramatische Begebenheit: »Heute nacht kam es zu einem ungewöhnlichen Zwischenfall. Die Tigerkatze, Mrs. Chippy, sprang durch ein Bullauge über Bord, und der wachhabende Offizier, Lt. Hudson, der sie miauen hörte, wendete geistesgegenwärtig das Schiff und fischte sie heraus. Mrs. Chippy muß sich gut zehn Minuten oder noch länger über Wasser gehalten haben.« Auf der Fahrt von Südgeorgien zur Antarktis konnte die Schiffsmannschaft immer wieder beobachten, wie Mrs. Chippy an Deck provozierend über die Dächer der Hundehütten stolzierte und damit die halbwilden Schlittenhunde in rasende Wut versetzte – eine Lieblingsbeschäftigung des Katers, der sich allerdings vor einem solchen Spaziergang genau vergewisserte, daß die Hunde fest angeleint waren. Der Metereologe Leonhard Hussey erinnerte sich an diese waghalsige Angewohnheit: »Mrs. Chippy machte sich einen Spaß daraus, über die Zwingerdächer zu paradieren, knapp außerhalb der Reichweite der Hunde, seelenruhig, ja beinahe spöttisch, ohne sich durch den Radau auch nur im geringsten stören zu lassen.« Er habe den Eindruck, bemerkte Hussey, Mrs. Chippy habe den angeketteten Hunden seine Freiheit demonstrieren wollen.

Am 16. Januar 1915 gelang den Männern von der Endurance der Abschuß einer drei Meter langen Krabbenfresserrobbe. Das gab frisches Fleisch nicht nur für die Mannschaft und die Hunde, sondern auch für Mrs. Chippy, wie ausdrücklich berichtet wird. Zwei Tage später begann sich das Scheitern der Expedition bereits abzuzeichnen. Kurz vor der antarktischen Küste, das Ziel schon vor Augen, wurde die Endurance von tiefem Packeis eingeschlossen und trieb nordwestlich ab. Im März ließ Shackleton auf der riesigen Packeisscholle neben der Endurance für die Schlittenhunde Iglus bauen. Auch die Schweine wurden von Bord gebracht. Außer der Mannschaft durfte nur Mrs. Chippy an Bord bleiben. Die Schweine hatten nicht mehr lange zu leben. Im April wurden sie geschlachtet und Mrs. Chippy erhielt einen gehörigen Anteil.

Nach 281 Tagen und 1.500 Meilen Driftfahrt zerbrach das Schiff am 27. Oktober 1915 unter dem mächtigen Druck des Eises. Danach entschied Shackleton, mit den drei geretteten Beibooten zum Rand der riesigen Packeisscholle vorzudringen und zu versuchen, die Insel Paulet zu erreichen. Auf diesem gefährlichen Weg, beschloß Shackleton, konnten sie weder die drei auf dem Schiff geborenen Welpen noch Mrs. Chippy mitnehmen. Er befahl, den Schiffskater zu erschießen. Nur die Tiere, die in der Lage waren, Schlitten zu ziehen, konnte man sich leisten unterwegs zu ernährten. Der Kapitän der H.M.S. Endurance, Frank A. Worsley, führt in seinem 1931 erstmals erschienenen Bericht über das Scheitern der Expedition zwei weitere Gründe an, die Shackleton bewogen haben sollen, diese Entscheidung zu treffen: Um den Schlittenhunden das Ziehen der schweren Boote auf dem Eis so leicht wie möglich zu machen (und damit Futter zu sparen), durfte nur zugeladen werden, was zum Erreichen des rettenden Zieles unbedingt notwendig war. Shackleton selbst demonstrierte seinen Männern den Ernst der Situation, indem er seine goldene Armbanduhr, ein goldenes Zigarettenetui und Goldmünzen auf das Eis warf. Der zweite Grund war das gespannte Verhältnis zwischen Mrs. Chippy und den halbwilden Hunden, die in Kanada gemeinsam mit Wölfen aufgezogen worden waren. Worsley schreibt, daß Mrs. Chippy sie vielleicht sogar hätte begleiten können, doch »ohne den Schutz des Schiffes wäre er sicherlich von den Hunden gefressen worden«.

Chronisten berichten, daß nach Shackletons Anweisung wohl eine Minute lang niemand ein Wort sagte. In das Schweigen hinein bemerkte der Schiffszimmermann Henry McNish, der den Kater mit an Bord gebracht hatte, mit heiserer Stimme: »Mrs. Chippy ist das Schiffsmaskottchen.« »Wir haben kein Schiff mehr«, soll Shackleton darauf geantwortet haben … und die Mannschaft folgte seinem Befehl.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Familienbande

6 Antworten zu “Mrs. Chippy, der Schiffskater

  1. andrea

    welch schmerzhafte entscheidung und wie schwer sie wohl auszuführen gewesen ist… mrs. chippy wird es sicherlich verstanden haben, er war ein weiser kater und nun hat er für ewig sein andenken in dieser geschichte. aber traurig ist es schon, so ein edles wesen opfern zu müssen. vielen dank für das aufrechterhalten dieses bemerkenswerten katers.

  2. Alisha

    Ich habe das Buch gelesen, das war sicherlich hart für alle Anwesenden aber natürlich war es Notwehr. Ich hätte es nicht über das Herz gebracht diese lieben Tiere umzubringen! Alle werden sie sicher für immer in Erinnerung behalten!:)

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  5. Nanny

    Ihm zu Ehren habe ich vor 19 Jahren meine Katze Mrs. Chippy genannt. Vielleicht lag es am Namen, aber sie zeichnete sich als loyale und mutige Gefährtin aus, die sich mir drohenden Gafahren tatsächlich in den Weg stellte und die ich nun schmerzlich vermisse.

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