Axel Eggebrecht: »Katzen«

Zeichnung von B.F. Dolbin aus der Erstausgabe von 1927

Das Wort Katze dringt in dein Gehörzentrum. Was für ein Bildüberfall geschieht da? Was fühlst du noch vor dem ersten Gedanken? Wie sieht die Katze in der platonischen Idee aus? Etwa grau, schwarz oder gefleckt? Nein, es ist da etwas Rundes, Weiches, Geschmeidiges. Denn dies ist kein Tier der Farbe. Alles Wesentliche an ihr ist Form. Eine herrliche, amoralische Leere liegt in ihren Augen, sie sind eisig, von beruhigend vollkommener Kreisrundung oder abgemessenem Oval. In diesem geschlossenen Körper drängt kein Knochen sich bis zur Bemerkbarkeit vor, er ist höhlenlos gerundet, so ungotisch wie möglich … Und dieser Körper, rätsellos und rätselhaft glatt zugleich, gehört dem abgründigsten unserer Tiere, in dessen unverständliche Seele wir nicht eindringen. Wir selbst sind verkrümmt vor schlechtem Gewissen. Die Tiere um uns verkümmern unter dem unnatürlichen Zwang unserer sittlichen Vorschriften. Die Katze blieb als letzte, göttliche Inkarnation der Morallosigkeit, sie gehorcht nicht, sie hält nicht viel von Treue, der Fleiß ist für sie noch nicht erfunden –

Wie uns auch ihre rätselhaft vertraute Fremdheit anzieht – für uns verlorene Tiere bleibt das heißeste Geschöpf ein kühler Gefährte. Schau ihr in die Augen: Kühl wägend begegnen sie unserer Anschmiegsamkeit, wir kommen mit allem Streicheln und Zärteln doch nie in den wirklichen Genuß ihres weichen Körpers. Angstvoll wie in unergründliches Wasser starren wir in den Spiegel unserer  Verlassenheit und frieren.

© by Arche Verlag

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