Die mörderische Katze

Eine der umfangreichsten Enzyklopädien in deutscher Sprache ist die von Johann Georg Krünitz begründete und bis Band 75 herausgegebene Oekonomisch-technologische Encyklopädie. Die insgesamt 242 Bände erschienen von 1773 bis 1858. Der Krünitz gilt als die maßgebliche Enzyklopädie der frühen Goethe-Zeit, die heute für viele Wissenschaften zu einem unverzichtbaren Instrument zur Beurteilung des Wissensstandes im 18. Jahrhundert geworden ist. Der 1786 erschienene 36. Band handelt das Stichwort »Katze« auf sage und schreibe 80 Seiten ab und kann somit als fundierte Quelle des europäischen Wissens über die Katze im 18. Jahrhundert bezeichnet werden.

Er erzählt darin auch die Geschichte eines Predigers, des Herrn Mariette aus Canterbury, der seine Katze, wenn er mit ihr allein war, immer auf einem eigenen Teller mit den Speisen fütterte, die er selbst zu sich nahm. Eines Tages hatte er seinen Bruder und zwei Prediger aus den Nachbargemeinden zum Mittag eingeladen, und fütterte die Katze – nachlässiger als sonst – mit einigen Essensresten in der Küche, was diese ihm offensichtlich übel nahm. Nach dem Essen legte sich Herr Mariette allein in sein Wohnzimmer zur Ruhe, nur die Katze hielt sich bei ihm auf. Die Kollegen zogen sich in ein anderes Zimmer zum Schlafen zurück. Sein Bruder nahm »in dieser stillen Zwischenzeit« eine wichtige Depesche für Herrn Mariette entgegen. Danach kam das Drama, das sich inzwischen ereignet hatte, ans Tageslicht: »Der Bruder eilte, den Herrn Mariette zu wecken; allein, der gute Mann war in einen ewigen Schlaf versunken, denn er war von seinem beleidigten Lieblinge erdrosselt worden. Anfänglich glaubte sein Bruder, er müßte von einem plötzlichen Schlagflusse getroffen seyn. Da er also die beyden anderen Prediger aufgeweckt und herbey gerufen hatte, zeigten ihm diese die schrecklichen Spuren der Katzenklauen am Halse des Erwürgten, welche ihm einen völligen Aufschluß über die Todesart seines Bruders gaben. Die mörderische Katze war indessen schlau genug, in eben dem Zimmer zu bleiben, und sich zu stellen, als ob sie schliefe. Der Bruder kam zufälliger Weise auf einen besondern Versuch, um sich mehr Gewißheit in einer so bedenklichen Sache zu verschaffen. Er bat seine beyden Freunde, sich zu verbergen. Er selbst band eine Schnur an den Fuß des Erwürgten, stellte sich in einen Winkel, zog an der Schnur, und bewegte den Verstorbenen so natürlich, daß die betrogene Katze, die noch einiges Leben in ihrem Herrn wahrzunehmen und ihn nicht völlig erdrosselt zu haben glaubte, noch ein Mal über ihn herfiel, um ihn, auf die Art wie zuvor, vollends zu erwürgen. Der Bruder, der nun keiner weiteren Überzeugung bedurfte verfolgte das grausame Thier mit seinem Degen; allein sie entkam glücklich, und hat sich in diesem Hause nie wieder sehen lassen.«

Am Ende seines langen Beitrages zählt Krünitz verschiedene Katzenrassen auf. Ein besonders merkwürdiges Tier wird folgendermaßen beschrieben: »Die fliegende Katze ist ebenfalls ein Thier eines anderen Geschlechtes. Linné rechnet sie unter die Gespenst-Thiere. Nach der Beschreibung, welche Turpin von diesen Thieren gibt, kommen sie sowohl in der Größe, als auch in Gestalt des Kopfes und der Barthaare unsern gewöhnlichen Katzen ziemlich gleich. Man findet sie häufig in den Wäldern von Siam und in anderen Gegenden von Ost-Indien.« Diese Katzenart muß inzwischen ausgestorben sein – sie ist verschwunden wie die eigentümlichen Ansichten des 18. Jahrhunderts über die Katze, die Krünitz wie kein zweiter Autor für die Nachwelt festgehalten hat.

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