Harry und Tonto

1974 kam der Film  Harry & Tonto von Paul Mazursky in die Kinos. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist schnell wiedergegeben. Harry ist Rentner und muß mit seinem rotgestromten Kater Tonto seine New Yorker Wohnung räumen, weil das Mietshaus abgerissen wird. Sein Sohn Burt nimmt ihn in sein kleines Vororthäuschen auf, das er mit seiner Frau und zwei fast erwachsenen Kindern bewohnt. Aber Harry fühlt sich dort nicht wohl. Er besucht nacheinander erst seine Tochter Shirley in Chicago, fährt dann über Boulder in Colorado nach Las Vegas und landet schließlich in Los Angeles, wo er seinen zweiten Sohn Eddi trifft. Ein Road-Movie also, eine Reise quer durch Amerika von der Ost- zur Westküste, die Harry und Tonto gemeinsam unternehmen. Dabei dominiert die Erlebniswelt Katze & Mensch alle anderen Handlungsstränge, ohne jemals in Kitsch zu verfallen. Im Gegenteil: manchmal wird Harry richtig böse auf seinen Kater. Beispielsweise als die beiden im Bus nach Chicago fahren. Irgendwann ist Tontos Katzenkiste naß und er weigert sich kreischend und fauchend, sein Geschäft auf der Menschentoilette des Busses zu erledigen. Harry muß den Fahrer überreden, in der Nähe einer Kleinstadt kurz anzuhalten, wo Tonto sofort hinter einen weit entfernten Busch rennt und sich weigert, zum Bus zurückzukehren. Also läßt sich Harry schimpfend sein Gepäck herausgeben und den Greyhound weiterfahren. Erst nach dessen Abfahrt kommt Tonto zurück – er mochte die Busfahrt nicht. Harry kauft sich ein Auto, und Tonto nimmt schnurrend und zufrieden auf der Ablage über dem Handschuhfach Platz. Aber es sind vor allem die vielen kleinen Szenen, die das Zusammenleben zwischen Katze und Mensch so unspektakulär veranschaulichen: wie Tonto in seiner Kiste scharrt, Harry ihm nach einem Einkaufsbummel das Geschirr abnimmt, mit ihm spricht, ihm immer wieder Lieder vorsingt und anschließend fragt, wer der Sänger war, um ihn dann, wenn der Kater miaut, zu loben: »Richtig, Bing Crosby.« Typisch ist auch die Szene, in der sich Tonto ungerührt und ungehindert auf einem Motelbett Hähnchenteile aus einer Kentucky-Fried-Chicken-Packung angelt und nach seiner Mahlzeit ein Schlachtfeld hinterläßt. Die beiden begegnen auf ihrem Trip durch die Staaten allerhand kuriosen Gestalten. Harry, ein ehemaliger Lehrer, blüht während dieser Reise sichtbar auf, kommt sogar in den Genuß eines erotisches Vergnügens mit einer Edelprostituierten. Tonto ist die konstante Bezugsperson in dem Personenkarussell, daß sich auf der Reise dreht, und als der Kater zum Schluß des Films stirbt, bleibt Harry allein, aber mit der Hoffnung zurück, daß das Alter nicht in auswegloser Einsamkeit enden muß.

Paul Mazursky ist durch seine Mutter auf die Idee zu dem Film gekommen, genauer durch deren roten Kater, den sie gern an einer Leine durchs New Yorker Greenwich Village führte. Der Regisseur hat nach eigenen Angaben lange Zeit seines Lebens mit Katzen zusammengelebt. Er sollte sogar Tonto nach Beendigung der Dreharbeiten als Geschenk erhalten, konnte aber den Kater nicht aufnehmen, weil seine Frau nach der Geburt ihres Kindes eine Katzenallergie entwickelt hatte. Über die Dreharbeiten zu Harry & Tonto hat sich Mazursky ausführlich geäußert. So erzählte er, daß Art Carney, der die Rolle des Harry verkörperte und dafür 1974 mit dem Oscar für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde, Katzen eigentlich haßte. »Genau deshalb spielte Art seine Rolle ohne jegliche Sentimentalität. Und die Katze mochte ihn, mehr und mehr.« Fragt sich nur welche Katze, denn wir wissen ja bereits, daß man einen Spielfilm mit einer Katzenhauptrolle unmöglich mit nur einer Katze drehen kann. Umso erstaunlicher ist Mazurskys Auskunft, daß er mit lediglich zwei Katzen ausgekommen ist, und eine der beiden war Tonto, die »Hauptkatze«. »Eigentlich hätte Tonto den Oscar gewinnen müssen«, meinte der Regisseur, ohne damit die schauspielerisch beeindruckende Leistung von Art Carney herabwürdigen zu wollen. Mit zwei Tricks hat die für den Film engagierte Tiertrainerin geholfen, Tonto (fast) immer in die richtige Position zu bringen. Zum einen hat sie seine Schwäche für Leber ausgenutzt. In einer Szene sollte Harry auf einem Stuhl sitzend den Kater ganz beiläufig am Kopf kraulen. Also hat man diesen Stuhl mit kleinen Leberstückchen präpariert und Tonto so angelockt. Dann war der Kater verrückt nach einem kleinen, roten Spielzeug, dem er sofort hinterhersprang. Diese Trumpfkarte wurde beispielsweise in einem Motel auf dem Bett ausgespielt. Zum Schluß des Films, als Tonto stirbt, mußte man sich allerdings medizinischer Hilfe bedienen. Der Kater bekam eine Betäubungsspritze. Das äußerst agile Tier wäre sonst wohl kaum so ruhig liegengeblieben. Diese unspektakulär leisen Aufnahmen sind in der Sparsamkeit ihrer Worte und Bilder sehr anrührend. Mazursky hat berichtet, dass vor allem das japanische Publikum überraschend emotional reagiert hat: »Als wir den Film in Tokyo zeigten, weinten die Menschen in dieser Szene so laut, daß man nichts anderes mehr hören konnte. Japaner lieben Katzen, und sie liebten diesen Film.«

Harry (Art Carney) und sein Kater Tonto

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